Blog von Tina, Sexarbeiterin aus Hamburg

Monat: Mai 2022 (Seite 1 von 2)

Neue Fotos

In den letzten Jahren musste ich mich immer dazu zwingen, neue Fotos für Anzeigenprofile und meine Homepage zu machen. Ich habe zugenommen, und obwohl ich mich immer noch in meinem Körper wohlfühle, ist der Unterschied auf Fotos sehr deutlich. Es ist daher schwer, Fotos zu machen, auf denen ich mir wirklich gefalle.

Meine Fotos macht schon seit mittlerweile 13 Jahren ein guter Freund von mir, der viel Geduld mit mir hat. Wir sind ein eingespieltes Team und sehr entspannt im Umgang miteinander, so dass eigentlich immer eine entspannte Atmosphäre herrscht. Gestern wollten wir eigentlich nach draußen, aber das Wetter hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Statt das Shooting ganz ausfallen zu lassen, haben wir uns stattdessen in meiner Wohnung getroffen.

Es lief richtig gut! Ich habe schon seit sehr langer Zeit nicht mehr so viel Lust auf ein Shooting gehabt, so viele Outfits und Ideen gehabt und so mit der Kamera spielen können. Es sind fast 400 Bilder entstanden, ein Vielfaches von dem was wir sonst machen.

Gestern Abend habe ich mir gleich die Zeit genommen und die Bilder gesichtet und sortiert. 24 Bilder habe ich ausgewählt; nicht alle davon für meine Sexarbeit-Werbung, einige werde ich auch einfach so für mich nutzen. Es sind sehr unterschiedliche Seiten von mir zu sehen, von frech und sexy über verträumt und verspielt zu sinnlich und erotisch.

In den nächsten Tagen wird der Fotograf die ausgewählten Bilder noch mal überarbeiten. Wir machen keine Beauty-Retuschen o.ä., sondern korrigieren nur ein wenig die Farben, und manche Bilder schneide ich neu zu. Dann freue ich mich darauf, Euch die Bilder zu präsentieren!

Kosten-Nutzen-Rechnung

„Bei einem Date entstehen auch Kosten. Man muss die Frau zum Essen einladen etc, und dafür gibt es keine Garantie auf Sex. Da kann ich auch gleich eine Sexarbeiterin bezahlen.“ oder „Beziehungen kosten auch Geld. Was man da investieren muss, für gemeinsame Unternehmungen, und auch an Zeit…“

Ich mag diese Vergleiche nicht. Für mich werden da Äpfel mit Birnen verglichen. Wenn ich ein Date habe, geht es darum, eine Person kennenzulernen und eine schöne Zeit miteinander zu verbringen – vielleicht nur für einen Abend, vielleicht auch mit der Hoffnung auf eine Beziehung.

Zugegeben, als Frau ist es wohl einfacher, Sex zu finden. Als ich jünger war habe ich mich ab und zu über Erotik-Portale für reine Sex-Dates verabredet. Das Ergebnis war meist enttäuschend. Man war sich zu fremd, die Stimmung war verkrampft. Im besten Fall konnte ich hinterher darüber lachen (und über mich selbst, dass ich mich darauf eingelassen hatte), im schlechteren Fall war es verschwendete Zeit und hinterließ ein schales Gefühl.

In dem Sinne macht es durchaus mehr Sinn, eine Sexarbeiterin zu buchen. Diese hat Erfahrung im Sex mit Fremden und schafft es, ihrem Gast über Unsicherheiten hinwegzuhelfen und eine entspannte erotische Atmosphäre zu schaffen. Wer also einfach Sex sucht, für eine Stunde oder einen Abend, investiert seine Zeit (und sein Geld) besser in eine Sexarbeiterin als ins Daten.

Wer aber Kontakt sucht, ein ehrliches Gespräch, die Möglichkeit jemanden wirklich kennenzulernen und gemeinsam etwas zu entwickeln, der ist bei einem Date besser aufgehoben. Dort ist die Gefahr gegeben, danach alleine nach Hause zu gehen, weil es doch nicht gepasst hat. Andererseits: Wer von einem Date nicht alleine nach Hause geht, kann sicher sein, begehrt zu werden und wirklich gemeint zu sein.

Sexarbeit ist eine Dienstleistung. Privater Sex ist eine Begegnung auf Augenhöhe. Ich finde nicht, dass man das vergleichen sollte. Erst recht nicht sollte man beides auf eine Kosten-Nutzen-Bilanz reduzieren.

Handjob

Die westliche Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft, in der viele Menschen beständig nach einer Verbesserung streben, nach etwas Neuem in allen Lebensbereichen. Das gilt auch für den Sex und vor allem im Käuflichen Sex: Anal gehört mittlerweile fast schon zum Standard, Verkehr bitte in allen Varianten, Oral bis zum Deepthroat – wer will sich da schon mit einem Handjob begnügen?

Handjob steht für viele für einen schnellen Spannungsabbau, egal ob durch die eigene Hand oder jemanden anders. Ich erinnere mich, dass es mir zu Beginn meiner Sexarbeiterinnen-Laufbahn oft zum Vorwurf gemacht wurde, wenn ich zu viel die Hand benutzt habe; es wurde unterstellt, ich würde „nicht richtig arbeiten“ oder „es zu schnell zu Ende bringen wollen“.

Seitden hat sich viel getan in der Einstellung zur Handarbeit – bei mir, aber auch insgesamt in der Sexarbeit, vor allem durch den Einfluss der Tantra-Szene. Bei einer Tantra-Massage sprechen nur diejenigen von einer „Handentspannung“, die das Erlebnis einer solchen Massage inklusive Lingam-Massage noch nie gemacht haben.

Die Hände/ Finger sind ein sehr wichtiger Teil davon, was Menschen von Tieren unterscheidet. Mit keinem anderen Körperteil können wir so sensibel spüren und so vielseitig berühren. Das gilt für den ganzen Körper, aber gerade bei Berührungen im Intimbereich kann man so unglaubliche Empfindungen auslösen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass es sich um eine Art Massage handelt. Diese ist im Idealfall absichtslos; es geht also nicht darum, möglichst schnell einen Orgasmus herbeizuführen, sondern darum, möglichst viele Berührungen und Empfindungen erfahrbar zu machen und das gerne über eine längere Zeit. Der Empfangende kann sich dabei ganz fallen lassen und auf sich selbst konzentrieren.

Ich lade meine Kunden also ein, es einfach mal auszuprobieren, in Verbindung mit einer Ganzkörper-Massage oder in Verbindung mit Nähe, Kuscheln, vielleicht dann auch Sex.

Geheimnisse

Sexarbeit ist kein Thema, über das ich leicht rede. Zu sehr ist es mit Vorurteilen behaftet. Manchmal habe ich einfach keine Lust auf Erklärungen, die sich zu schnell nach Rechtfertigungen anfühlen, und auf moralisch-emotionale Diskussionen, bei denen man doch keinen gemeinsamen Nenner findet. Das klingt jetzt sehr negativ – ich habe durchaus auch schon häufig Toleranz und Interesse erfahren. Insgesamt ist es ein Thema, das sich schnell in den Vordergrund drängt und nie einfach so erwähnt und wieder abgehakt werden kann.

Es gab und gibt unterschiedliche Phasen in meinem Leben, wie ich mit dem Thema umgegangen bin. Mit Anfang 20 habe ich da fast allen gegenüber ein Geheimnis draus gemacht. Dann, mit Mitte/ Ende 20, hatte ich eine Phase, in der es mir wichtig war, möglichst vielen Menschen in meinem Umfeld davon zu erzählen. Ich hatte das Gefühl, dass mich jemand nicht richtig kennen würde, wenn er das nicht von mir wüsste, und das demnach der Kontakt nicht „echt“ sei, wenn ich es verheimliche.

Später gab es Phasen, da habe ich fast gar nicht mehr darüber geredet. Mein Schwerpunkt hatte sich von klassischer Prostitution hin zu Tantra-Massagen verschoben, und das war ja schon fast seriös. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das noch ein wichtiger Teil von mir war, und habe dementsprechend selten darüber gesprochen. In den letzten Jahren bin ich ja nun nicht mehr nur im Bereich Tantra-Massagen/ Erotische Massagen unterwegs, sondern mehr in Bereichen, die wirklich eindeutig Sexarbeit sind. Die Menschen in meinem Freundeskreis wissen das, Freizeit-Bekannte nicht – so einfach.

Im Moment lerne ich jedoch gerade relativ viele neue Menschen kennen, dadurch dass ich wieder mehr weggehe und auch bewusst neue Kontakte suche. Ich erwische mich dann dabei, wie ich ganz begeistert von meiner Tätigkeit als Yogalehrerin und Masseurin erzähle und das Thema Sexarbeit gedanklich ganz weit in den Hintergrund schiebe. Dabei frage ich mich immer wieder, wie echt der Kontakt ist und ob ich nicht ein falsche Bild von mir vorspiegle. Es fällt mir gerade schwer, mich den Fragen und Urteilen auszusetzen, die auf eine solche Enthüllung folgen – und vielleicht auch der Ablehnung.

Gleichzeitig wächst die Angst, ungewollt geoutet zu werden, etwa indem irgendwo in meinen Erzählungen ein Widerspruch drin ist oder einfach indem mich jemand gründlich googelt. Ich habe (noch) keine Antwort für diese Fragen, Gedanken und Gefühle; es ist einfach etwas, das mich gerade (mal wieder) sehr beschäftigt.

Perfekte Illusion

Vor kurzem sagte jemand zu mir, die Zeit mit mir sei eine perfekte Illusion. Ich verstand, was er damit sagen wollte, aber meine Gedanken dazu sind ein wenig anders.

Ich versuche nicht, Illusionen zu erschaffen. Meine Stärke ist es, Stimmungen zu erschaffen. Dabei will ich niemandem etwas vorgaukeln, sondern eine Einladung aussprechen, sich in die Situation hinein zu entspannen und zu genießen. Vielleicht ist es ein wenig vergleichbar mit einem Musiker, der mit seiner Musik seine Gäste in eine bestimmte Stimmung versetzen kann. Dasselbe tue ich mit einem Zusammenspiel aus Atmosphäre im Raum und Berührungen.

Ob ich jemandem dabei etwas vorspiele? Diese Frage kann ich nicht mal genau beantworten. Wenn ich mit einem meiner Kunden zusammen bin, stelle ich meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse in den Hintergrund und konzentriere mich ganz auf meinen Gegenüber. Frei nach dem Motto „Fake it till you make it“ kann ich dann oft nicht einmal selbst unterscheiden, welcher Teil meiner Lust und Hingabe echt ist und was „nur“ der Situation geschuldet.

Wie echt ist also nun das Treffen mit einer Sexarbeiterin? Ich erlebe es so, dass das, was während des Treffens geschicht, in den meisten Fällen echt ist. Aber ein solches Treffen hat klar definierte Grenzen, und es wäre ein Fehler, das Geschehn innerhalb dieser Grenzen nach draußen bringen zu wolllen und davon Gefühle oder Verbindungen über dieses Treffen hinaus abzuleiten.

Huschke Mau

In dieser Woche habe ich schon zwei Mal mit Freunden darüber diskutiert, ob es Sinn macht, manchen Menschen Aufmerksamkeit zu geben oder ob man sie am besten ignoriert. Konkret geht es um Huschke Mau. Sie hat sich in den letzten Jahren zu einem der Gesichter der Prostitutionsgegner in Deutschland gemacht und tingelt damit durch diverse Medien. Sie hat eine Organisation gegründet, die Frauen beim Ausstieg hilft (Netzwerk Ella) und setzt sich für das Nordische Model ein.

Ich habe vor einigen Jahren einen Text von ihr gelesen, der „Wiedereinstiegsgedankenkreisel“ hieß (damals hatte ich ihren Namen noch nie gehört). In diesem Text fand ich viele meiner eigenen Gedanken und Verhaltensweisen wieder, wenn auch überspitzt. Seitdem folge ich ihr bei Facebook und lese immer wieder Texte von ihr – mit immer weniger Spaß, denn in ihren Augen sind Freier grundsätzlich gewaltbereite Täter und Frauen immer Opfer.

Vor kurzem hat sie eine Talkshow verlassen, weil die anderen Teilnehmer nicht bereit waren, ihren Standpunkt zu teilen. Im Nachhinein regte sie sich dann darüber auf, dass sie als „Ex-Prostituierte“ bezeichnet worden war – sie sei doch mittlerweile Doktorantin und hätte viel mehr erreicht. Sie sitzt aber in dieser Talkshow und beruft sich auf ihre Geschichte und vergleichbare Schicksale, wenig auf die diversen Daten und Meinungen, die es zu dem Thema gibt. Wenn sie die Rolle so klar annimmt, warum wehrt sie sich dann im Nachhinein dagegen?!

Huschke Mau hat eine Vergangenheit voller Gewalt, beginnend mit einem gewalttätigen Elternhaus, aus dem sie mit 17 flieht. Das ist eine tragische Geschichte, aber gleichzeitig keine typische. Die Frauen, die ich in der Sexarbeit kennengelernt habe, hatten sehr unterschiedliche Geschichten und Beweggründe – die wenigsten davon waren so dramatisch wie die von Huschke Mau.

Wenn ich Gedanken zu Huschke Mau und ihren Thesen formuliere, komme ich mir vor, als wollte ich einem Opfer häuslicher Gewalt von meiner glücklichen Beziehung erzählen. Die Erfahrungswelten sind so weit auseinander, dass sich einfach kein gemeinsamer Nenner finden lässt. Theoretisch redet man über dasselbe (über Beziehungen bzw über Sexarbeit), aber vergleichbar ist es doch überhaupt nicht.

Letztes Jahr hat Huschke Mau ein Buch herausgebracht, dem sie den Titel „Entmenschlicht“ gegeben hat. Es lag einige Monate ungelesen in meinem Regal, und jetzt habe ich mich dazu durchgerungen, es zu lesen. Es macht keinen Spaß, aber ich finde es wichtig, auch in diese Seite der Diskussion einen Einblick zu haben. Buchbesprechung folgt, wenn ich es durch geschafft habe.

Wachs

Vor ein paar Tagen hatte ich mal wieder das Vergnügen, mit einem meiner Lieblingsspielzeuge zu spielen: mit einer Kerze und heißem Wachs.

Viele Menschen bringen Spiele mit Wachs mit SM und Schmerzen in Verbindung und lehnen sie daher ab. Ich sehe Wachs als einen sinnlichen Reiz, dessen Intensität ich variieren kann. Wenn ich die Kerze sehr hoch halte, ist es nicht mehr als ein warmer Tropfen, ähnlich wie warmes Öl (und doch irgendwie anders). Je tiefer ich mit der Kerze komme, desto heißer wird es.

Manchmal denke ich darüber nach, Wachs auch in eine Massage einzubinden. Gerade in Verbindung mit eingeölter Haut fühlt es sich sehr gut an. Einziger Nachteil ist, dass es sich nicht so einfach wegwischen lässt, sondern hinterher einen ziemlichen Aufwand beim Reinigen braucht.

Das perfekte Leben

„My goal is to build a life I don’t need a vacation from.“

Letzten Montag war ich morgens beim Yoga, und nach einer anstrengenden Stunde verabschiedete uns die Lehrerin mit den Worten: „Danke, dass Ihr Eure Woche mit Yoga mit mir begonnen habt. Ich wünsche Euch eine schöne Woche, mit so wenig Arbeit wie möglich!“ Solche Sätze triggern mich immer!

Ich kann nicht nachvollziehen, dass Menschen so über ihre Arbeit denken. Ich meine, mir ist klar, dass die meisten nicht jeden Morgen mit totaler Begeisterung zur Arbeit gehen. Aber seinen Job so wenig mögen, dass man ihn ständig nur hinter sich bringen will? Immer nur auf den nächsten Urlaub wartet/ das Wochenende/ die Rente? Das ist doch kein Leben!

Ich fühle mich sehr privilegiert, da meine Arbeit mir sehr, sehr viele Freiheiten lässt. Ich kann fast alles selbst gestalten und bin auch zeitlich wenig festgelegt. Dafür ist mein Leben mit sehr viel Unsicherheit verbunden, zeitlich und finanziell. Ich habe durchaus Phasen, in denen ich mir mehr Struktur und Sicherheit wünschen würde – aber im Großen und Ganzen überwiegt die Freude über meine Freiheit.

Ein anderer Aspekt: Ich mag es, Enscheidungen zu treffen und dann zu diesen Entscheidungen zu stehen. Wenn ich eine Arbeit annehme (wie zuletzt vor zwei Jahren eine Teilzeittätigkeit), dann will ich jetzt gerade diesen Job machen (und das Geld verdienen, das damit verbunden ist). Warum sollte ich etwas zusagen, dass ich von Anfang an nicht will?! Ganz ehrlich: man kann auch von Sozialhilfe leben und seine Freizeit genießen. Vielen Menschen geht es jedoch zum Glück nicht nur um Geld, sondern auch um das Gefühl, etwas Nützliches zu tun und damit Teil der Gesellschaft zu sein. Das wird meiner Meinung nach viel zu häufig nicht beachtet.

Ein guter Freund von mir mag Gedankenspiele in der Art von: Was würdest du machen, wenn du im Lotto gewinnst? Wohin würdest du gerne mal reisen? Etc. Mir fällt da häufig nicht so viel zu ein, oder ich finde sowas einfach blöd. Ich mag mein Leben! Ja, ich habe auch Probleme, um die ich mich kümmern muss, bin mal schlecht drauf oder würde einfach gerne im Bett bleiben und die Decke über den Kopf ziehen. Aber es ist mein Leben, ich habe es selbst so gestaltet. Was würde es über mich aussagen, wenn ich da völlig unzufrieden mit wäre? (Ich mag übrigens keine Opfer-Mentalität. Wenn ich mit meinem Leben nicht zufrieden wäre, wäre es meine Aufgabe, das zu ändern.)

Manchmal denke ich, ich bin zu zufrieden und nicht „hungrig“ genug. Mit mehr Ehrgeiz könnte ich bestimmt sehr viel mehr erreichen, als ich jetzt habe (finanziell, aber auch was Status angeht). Ich mag meine Arbeit, meine Kunden und meinen Alltag. Es gibt noch Dinge, die ich machen und erreichen möchte. Ich fühle mich jedoch nicht getrieben, sondern gebe mir und den Dingen Zeit sich zu entwickeln. Es geht mir gut!

Das Gute im Menschen

In der Sexarbeit ist es immer noch üblich, dass das Geld zu Beginn des Treffens bezahlt wird. Diese Regel geht auf die Zeit zurück, als Prostitution als sittenwidrig galt und Geld aus Prostitution daher nicht auf Rechtswegen eingeklagt werden konnte. Mittlweile ist das anders (seit Einführung des Prostitutionsgesetzes zum 01.01.2002 *), doch diese Gewohnheit wurde beibehalten – meiner Meinung nach häufig ein Zeichen des gegenseitigen Misstrauens, dass zwischen Sexarbeiterinnen und ihren Kunden herrscht. (Und nebenbei: auch wenn es theoretisch möglich ist, bei Unstimmigkeiten die Polizei zu rufen und das gerichtlich zu klären, will das kaum eine Sexarbeiterin.)

Ich möchte hier ein bisschen aus meinen Erfahrungen plaudern, die sind nämlich überwiegend ganz anders. Anlass für diesen Blog ist ein Erlebnis, das ich letzte Woche hatte. Ich hatte einen Termin am Freitagmorgen recht früh, mit einem Kunden den ich in der Woche zuvor zum ersten Mal getroffen hatte. Vierzig Minuten vor dem Termin bekam ich eine SMS: Er müsse den Termin leider absagen, sein Corona-Schnelltest sei gerade positiv gewesen. Ich habe schon ein paar Mal darüber geschrieben, dass ich solche kurzfristigen Absagen häufig als Ausrede empfinde und dann keine zweite Chance gebe. Diesem Mann habe ich das jedoch sofort geglaubt, beruhend auf dem bisherigen Kontakt. Es ging sogar noch weiter: Nachdem ich ihm gute Besserung gewünscht habe, bestand er darauf, mir das Geld für den Termin zu überweisen. Ich habe erst versucht das abzulehnen, ihm dann jedoch meine Verbindung gegeben.

Das war in meinen ganzen Jahren als Sexarbeiterin erst das zweite Mal, dass mir jemand einen gebuchten Termin bezahlt hat, weil er kurzfristig absagen musste. Halt, stimmt nicht ganz, zwei Mal hatte ich das auch bei langjährigen Stammkunden, aber da ging es um etwas anderes: bei dem einen hatte ich extra ein Zimmer gebucht, das er dann bezahlt hat, und bei dem anderen es ist zum x-ten Mal vorgekommen, dass ihm kurzfristig was dazwischen gekommen ist, und diesmal bestand ich auf das Geld (für einen Termin, nicht für alle ausgefallenen). Sonst fällt es bei Stammgästen unter Kulanz, wenn wirklich mal was dazwischen kommt (ist ja dann meist ein echter Notfall), oder bei Neukunden ist es halt mein Pech.

Zurück zum Thema vom Anfang: Ich bestehe nicht darauf, das Geld zu Beginn des Termins zu bekommen. Viele Kunden geben es mir von sich aus am Anfang. Manchmal passiert es, dass jemand das danach vergisst und ich sanft erinnere. Zwei oder drei Mal ist es sogar schon passiert, dass wird es beide vergessen haben. Jedes Mal bekam ich innerhalb von einer Stunde einen Anruf: „Ich hab dir gar kein Geld gegeben! Wie machen wir das jetzt?“ Ich habe das Geld jedes Mal bekommen, per Überweisung oder beim nächsten Treffen.

Ja, ich bin auch schon um Geld betrogen worden – drei oder vier Mal, in über fünfzehn Jahren. Da war es dann meist nicht mal das Geld (obwohl das in einem Fall echt auch weh tat), sondern viel mehr das Gefühl, betrogen und nicht repektiert worden zu sein. Das hat mir auf Wochen den Spass an der Arbeit verdorben, und ich musste mich zwingen, nicht jedem weiteren Kunden mit Misstrauen zu begegnen. Wenn ich darüber nachdenke, wie häufig ich von Menschen in „seriösen“ Berufen höre, dass sie hinter ihrem Geld herlaufen – egal ob es Handwerker, Ärzte u.a. – ist das bei mir harmlos. Also: Ich habe echt tolle Kunden! Danke!


* Bitte nicht verwechseln: Es gibt das Prostitutionsgesetz (ProstG) von 2002, durch das Prostitution in Deutschland legal wurde. Darin wird Prostitution als Dienstleistung definiert und es sollte den sozialen Status von Prosituierten verbessern. Seitdem können sich Prostituierte z.B. gesetzlich krankenversichern – und eben auch ihren Lohn einklagen. Seit 2017 gibt es zusätzlich das Prostitutionsschutzgesetzt (ProstSchG), dass Sexarbeitenden und den Betreibern von Prostitutionsbetrieben eine Reihe von Pflichten auferlegt, u.a. die Registrierung von Sexarbeitenden und eine Genehmigungspflicht für Betreiber. Dieses Gesetz wird von vielen als Schikane empfunden und die angebliche Schutzwirkung für Sexarbeitende wird stark angezweifelt.

Selbststimulation

Vor ein paar Tagen habe ich über die Verbreitung von Pornos geschrieben und darüber, welche Auswirkungen diese auf unser Bild von Sex haben. Heute möchte ich ein verwandtes Thema ansprechen: die Frage, wie ich meinen Körper behandle, wenn ich mich selbst stimuliere.

Lange Zeit galt Masturbation als schädlich und verwerflich und es wurde versucht, sie zu unterdrücken. In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Ansicht gewandelt. Gerade Sexualtherapeuten halten Selbstbefriedigung für wichtig, da sie ein guter Weg ist, die eigenen Reaktionen und Wünsche kennenzulernen – in der Pubertät, aber auch noch danach.

Mittlerweile werden Menschen, die sich nicht selbst befriedigen, eher skeptisch betrachtet, als irgendwie verklemmt und ohne Zugang zum eigenen Körper. Das finde ich übertrieben. Eine Sexarbeiterin hat während des ersten Lockdowns einen Blog geschrieben darüber, dass sie selten masturbiert, weil sie einfach viel Kontakt und Erotik mit anderen Menschen lebt, und wie sehr ihr das im Lockdown plötzlich fehlt. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich masturbiere zwar, aber meist eher als Einschlafhilfe als mit echter Begeisterung.

Das andere Ende des Extrems sind Menschen, die sehr exzessiv masturbieren, und/oder häufig mit Hilfsmitteln. Vibratoren sind ein tolles Spielzeug und eine besondere, intensive Art der Stimulation. Auf Dauer senken sie jedoch die Sensitivität; der Körper gewöhnte sich an sehr starke Reize und es wird schwieriger, sich mit der (scheinbar geringeren) Stimulation durch die eigenen Finger zum Orgasmus zu bringen.

Ähnlich ergeht es Männern, die Selbstbefriedigung zur schnellen Triebabfuhr nutzen. Häufig konditionieren sie sich damit selber auf eine sehr harte, schnelle Stimulation, und kriegen dadurch auf Dauer Probleme, beim Sex oder bei Berührungen durch jemanden anders zum Höhepunkt zu kommen. Solche Männer erlebe ich durchaus auch bei mir häufiger, die meine Berührungen und den Sex zwar genießen, es dann aber selbst „zu Ende bringen“ müssen.

Im Tantra versuchen wir das Gegenteil: Dort gibt es sogenannte Selbstliebe-Rituale, in denen es darum geht, sich selber ganz viel Zeit für die Berührung des eigenen Körpers zu nehmen. Im Grunde ist es eine Tantra-Massage, die man sich selbst gibt – mit allen Möglichkeiten einer solchen Massage.

Also, denk gerne mal darüber nach, wie Du mit Deinem Körper umgehst, wenn Du Dich selber anfasst, und welche Auswirkungen das auf Deine gesamte Sexualität hat!


In den Kommentaren findet Ihr noch einen Link zu einem Youtube-Video, in dem ein Mann von seinen Erfahrungen mit Selbststimulation in der Tantra-Ausbildung bei Diamond Lotus in Berlin berichtet und seine Gedanken dazu und zu dem Thema generell schildert. Fand ich sehr spannd, schaut gerne mal rein.

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