Über den Beziehungsstatus einer Sexarbeiterin zu reden ist immer ein schwieriges Thema, vor allem Kunden gegenüber. Einige Sexarbeiterinnen behaupten grundsätzlich, Single zu sein, um sich damit interessanter zu machen – was meiner Meinung nach ziemlich nach hinten losgehen kann. Ansonsten wird der Partner oft genauso zur Projektionsfläche wie die Sexarbeiterin selbst und ihm wird irgendeine Rolle zwischen Zuhälter und Schwächling/ Cuckhold zugeschrieben. Viele Kunden projizieren auch ihre eigenen moralischen Werte und meinen betonen zu müssen, dass „sie das ja nie tolerieren könnten bei ihrer Partnerin“.

Ich habe viele Jahre in festen Beziehungen gelebt, bei denen meine Arbeit überhaupt kein Thema war. Meine Partner hatten mich so kennengelernt, wussten wie ich meine Arbeit sehe und wie ich zwischen Beruf und Privatleben trenne, und konnten meinen offenen Umgang mit Sexualität genießen. Als ich 2023 wieder Single wurde, machte ich mir über meine Arbeit gar nicht so viele Gedanken. Ich datete überwiegend über eine sexpositive Plattform – und war erstaunt, wie viele Männer dann doch ein Thema damit hatten – und wie viele es dann nicht schafften, freundlich zu sagen: „Nein, danke, das passt nicht für mich.“, sondern meinten das ignorieren und/ oder mich ändern zu können.

Generell bin ich auch als Single nicht unglücklich. Aber auch wenn ich meine Arbeit liebe, wünsche ich mir auch in meinem Privatleben Sex; dort wünsche ich mir eine Person, mit der ich vertraut bin, bei der ich mich sicher fühle und bei der ich auch meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse in den Vordergrund stellen kann und auf die aktuelle Tagesform Rücksicht nehmen. In den letzten zweieinhalb Jahren hatte ich dafür eine Affäre; wir haben uns 1-3 Mal die Woche getroffen, für entspannte Abende mit Essen, Kino o.ä. und viel Sex. Körperlich waren wir ein perfektes Match, aber vom Rest hat leider nicht viel gepasst, und wir waren über die Monate ständig On/Off, was emotional einfach anstrengend war.

Letzten Dezember habe ich angefangen, wieder gelegentlich auf Kinky Partys zu gehen, und Silvester habe ich mich dort prompt verliebt. Jetzt lebe ich also seit vier Monaten wieder in einer Beziehung, die sich nicht nur auf Dates beschränkt, sondern mit der ich einen Alltag lebe – und das fühlt sich sehr schön, aber auch sehr ungewohnt an. In den letzten Jahren habe ich viel Zeit alleine verbracht und mich daran gewöhnt, bei der Planung von Terminen (egal ob beruflich oder privat) auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Plötzlich werde ich regelmäßig gefragt, wie lange ich abends denn arbeite/ unterwegs bin und wie wir das Wochenende planen. Vor zwei Wochen war ich das erste Mal mit ihm übers Wochenende in Heiligenhafen, wo er ein Boot liegen hat; mir eröffnet sich dort eine völlig neue Welt, auf dem Wasser ist man wirklich raus aus allem, und zwei Tage fühlen sich fast an wie eine ganze Woche Urlaub.

Mir ist klar, dass ich nicht jedes Wochenende frei machen kann, sondern einige Kunden habe, die nur am Wochenende Zeit und Muße für Treffen mit mir haben, und die ich natürlich weiterhin treffen möchte. Es bleibt also spannend, wie sich das in den nächsten Wochen entwickelt und wie ich da einen Rythmus finden werde. Ich will nicht nur meine Arbeit nicht vernachlässigen, sondern auch meine eigenen Hobbys brauchen weiterhin Raum. Neben aller Verliebtheit sind wir zum Glück alt genug, um vernünftig und achtsam mit dem Leben des anderen umzugehen und aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Emotional sind Verliebtheit und Sexarbeit eine eigenartige Mischung. Auf der einen Seite bin ich so auf meinen neuen Partner fixiert, dass es bewusste Anstrengung braucht, mich auf Dates einzulassen. Andererseits bringe ich das Hochgefühl, den Schwung und auch die erotische Spannung, unter der ich stehe, mit in die Dates, was diesen eine ganz eigene Dynamik verleihen kann. Gerade über Treffen mit Stammkunden freue ich mich wie immer sehr. Treffen mit neuen Kunden fallen mir gerade schwerer, aber auch die kann ich genießen.

Mein Partner ist noch dabei, sich an meinen Job zu gewöhnen. Er hat Erfahrung als Swinger, kann sich also durchaus mit mir über schöne Erlebnisse freuen. Gleichzeitig ist diese Welt neu für ihn und manchmal überwiegt die Sorge, ob es mir wirklich gut geht damit. Noch überlege ich, was ich erzähle und was nicht, und plapper nicht so drauflos wie ich es bei guten Freunden tue. Trotzdem erzähle ich regelmäßig von meiner Arbeit, nicht von den erotischen Details, sondern eher von dem Alltagskram über Sress bei Terminvereinbarungen etc, oder auch einfach ob ich einen guten Tag hatte oder ob es eher nervig war.