Sexarbeiterinnen handhaben den Umgang mit Zeit sehr unterschiedlich. Für manche ist eine gebuchte Stunde die Zeit von dem Moment, in dem sie dem Gast die Tür öffnen, bis zu dem Moment, wenn sie sie wieder hinter ihm schließen. Andere sehen das großzügiger und rechnen nur die reine Spielzeit. Meine Lösung ist immer irgendwo in der Mitte. Ich rechne Spielzeit plus 15-20 Minuten für Vorgespräch und Duschen. Generell ist es mir wichtiger, dass sich ein Termin rund anfühlt, als genau auf die Zeit zu achten.

Deswegen lasse ich zwischen zwei Terminen mindestens eine Stunde Zeit frei. Diese Stunde ist zum einen für die oben angesprochenen 15-20 Minuten extra, etwas Spiel falls jemand zu früh/ zu spät kommt, und Zeit für mich, um zu duschen, den Raum aufzuräumen und neu vorzubereiten und auch noch einen Kaffee zu trinken.

Vorgestern war es mir nicht möglich, die Zeit so zu legen. Ich hatte morgens um zehn einen Termin und nachmittags eine private Verpflichtung. Dann kam der Anruf eines lieben Stammkunden, der leider auch nur an diesem Tag Zeit hatte. Ich legte den Termin dann so, dass zwischen den zwei Terminen eine halbe Stunde war und ich danach noch eine halbe Stunde hatte, bevor ich losmusste.

Ehrlich gesagt: Es hat mich gestresst. Mein erster Gast kam fast 20 Minuten zu spät, ich habe dann die Spielzeit etwas gekürzt (mit Ansage, ich hatte ihm auch angeboten den Termin alternativ auf den nächsten Tag zu schieben) und musste halt deutlich die Uhr im Auge behalten, auch beim Gespräch danach. Auch mein zweiter Kunde war daran gewöhnt, dass ich großzügig mit der Zeit umging, und ich war in der unangenehmen Situation, irgendwann darauf hinweisen zu müssen, dass ich keine Zeit mehr habe.

Im Endeffekt hatte ich ein schlechtes Gewissen und frage mich gleichzeitig: wieso eigentlich? Das so locker zu sehen mit der Zeit, ist meine Entscheidung und nichts, worauf Kunden einen Anspruch haben. Ich kenne genug Sexarbeiterinnen, die Termine sogar bündig legen, also ohne irgendwelche Zeit extra, und das Aufräumen im Beisein des Kunden erledigen, während dieser sich anzieht. Und das man irgendwann auf die (abgelaufene) Zeit hingewiesen wird, ist auch nichts besonderes, nicht nur in dieser Branche. Ich sollte mir also wohl ein dickeres Fell und ein wenig mehr Egoismus zulegen, wenn es um den Umgang mit meiner Zeit geht; diese ist schließlich meine wertvollste Ressource.