Traumfrau mit Nebenwirkungen

Blog von Tina, Sexarbeiterin aus Hamburg

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Das perfekte Leben

„My goal is to build a life I don’t need a vacation from.“

Letzten Montag war ich morgens beim Yoga, und nach einer anstrengenden Stunde verabschiedete uns die Lehrerin mit den Worten: „Danke, dass Ihr Eure Woche mit Yoga mit mir begonnen habt. Ich wünsche Euch eine schöne Woche, mit so wenig Arbeit wie möglich!“ Solche Sätze triggern mich immer!

Ich kann nicht nachvollziehen, dass Menschen so über ihre Arbeit denken. Ich meine, mir ist klar, dass die meisten nicht jeden Morgen mit totaler Begeisterung zur Arbeit gehen. Aber seinen Job so wenig mögen, dass man ihn ständig nur hinter sich bringen will? Immer nur auf den nächsten Urlaub wartet/ das Wochenende/ die Rente? Das ist doch kein Leben!

Ich fühle mich sehr privilegiert, da meine Arbeit mir sehr, sehr viele Freiheiten lässt. Ich kann fast alles selbst gestalten und bin auch zeitlich wenig festgelegt. Dafür ist mein Leben mit sehr viel Unsicherheit verbunden, zeitlich und finanziell. Ich habe durchaus Phasen, in denen ich mir mehr Struktur und Sicherheit wünschen würde – aber im Großen und Ganzen überwiegt die Freude über meine Freiheit.

Ein anderer Aspekt: Ich mag es, Enscheidungen zu treffen und dann zu diesen Entscheidungen zu stehen. Wenn ich eine Arbeit annehme (wie zuletzt vor zwei Jahren eine Teilzeittätigkeit), dann will ich jetzt gerade diesen Job machen (und das Geld verdienen, das damit verbunden ist). Warum sollte ich etwas zusagen, dass ich von Anfang an nicht will?! Ganz ehrlich: man kann auch von Sozialhilfe leben und seine Freizeit genießen. Vielen Menschen geht es jedoch zum Glück nicht nur um Geld, sondern auch um das Gefühl, etwas Nützliches zu tun und damit Teil der Gesellschaft zu sein. Das wird meiner Meinung nach viel zu häufig nicht beachtet.

Ein guter Freund von mir mag Gedankenspiele in der Art von: Was würdest du machen, wenn du im Lotto gewinnst? Wohin würdest du gerne mal reisen? Etc. Mir fällt da häufig nicht so viel zu ein, oder ich finde sowas einfach blöd. Ich mag mein Leben! Ja, ich habe auch Probleme, um die ich mich kümmern muss, bin mal schlecht drauf oder würde einfach gerne im Bett bleiben und die Decke über den Kopf ziehen. Aber es ist mein Leben, ich habe es selbst so gestaltet. Was würde es über mich aussagen, wenn ich da völlig unzufrieden mit wäre? (Ich mag übrigens keine Opfer-Mentalität. Wenn ich mit meinem Leben nicht zufrieden wäre, wäre es meine Aufgabe, das zu ändern.)

Manchmal denke ich, ich bin zu zufrieden und nicht „hungrig“ genug. Mit mehr Ehrgeiz könnte ich bestimmt sehr viel mehr erreichen, als ich jetzt habe (finanziell, aber auch was Status angeht). Ich mag meine Arbeit, meine Kunden und meinen Alltag. Es gibt noch Dinge, die ich machen und erreichen möchte. Ich fühle mich jedoch nicht getrieben, sondern gebe mir und den Dingen Zeit sich zu entwickeln. Es geht mir gut!

Das Gute im Menschen

In der Sexarbeit ist es immer noch üblich, dass das Geld zu Beginn des Treffens bezahlt wird. Diese Regel geht auf die Zeit zurück, als Prostitution als sittenwidrig galt und Geld aus Prostitution daher nicht auf Rechtswegen eingeklagt werden konnte. Mittlweile ist das anders (seit Einführung des Prostitutionsgesetzes zum 01.01.2002 *), doch diese Gewohnheit wurde beibehalten – meiner Meinung nach häufig ein Zeichen des gegenseitigen Misstrauens, dass zwischen Sexarbeiterinnen und ihren Kunden herrscht. (Und nebenbei: auch wenn es theoretisch möglich ist, bei Unstimmigkeiten die Polizei zu rufen und das gerichtlich zu klären, will das kaum eine Sexarbeiterin.)

Ich möchte hier ein bisschen aus meinen Erfahrungen plaudern, die sind nämlich überwiegend ganz anders. Anlass für diesen Blog ist ein Erlebnis, das ich letzte Woche hatte. Ich hatte einen Termin am Freitagmorgen recht früh, mit einem Kunden den ich in der Woche zuvor zum ersten Mal getroffen hatte. Vierzig Minuten vor dem Termin bekam ich eine SMS: Er müsse den Termin leider absagen, sein Corona-Schnelltest sei gerade positiv gewesen. Ich habe schon ein paar Mal darüber geschrieben, dass ich solche kurzfristigen Absagen häufig als Ausrede empfinde und dann keine zweite Chance gebe. Diesem Mann habe ich das jedoch sofort geglaubt, beruhend auf dem bisherigen Kontakt. Es ging sogar noch weiter: Nachdem ich ihm gute Besserung gewünscht habe, bestand er darauf, mir das Geld für den Termin zu überweisen. Ich habe erst versucht das abzulehnen, ihm dann jedoch meine Verbindung gegeben.

Das war in meinen ganzen Jahren als Sexarbeiterin erst das zweite Mal, dass mir jemand einen gebuchten Termin bezahlt hat, weil er kurzfristig absagen musste. Halt, stimmt nicht ganz, zwei Mal hatte ich das auch bei langjährigen Stammkunden, aber da ging es um etwas anderes: bei dem einen hatte ich extra ein Zimmer gebucht, das er dann bezahlt hat, und bei dem anderen es ist zum x-ten Mal vorgekommen, dass ihm kurzfristig was dazwischen gekommen ist, und diesmal bestand ich auf das Geld (für einen Termin, nicht für alle ausgefallenen). Sonst fällt es bei Stammgästen unter Kulanz, wenn wirklich mal was dazwischen kommt (ist ja dann meist ein echter Notfall), oder bei Neukunden ist es halt mein Pech.

Zurück zum Thema vom Anfang: Ich bestehe nicht darauf, das Geld zu Beginn des Termins zu bekommen. Viele Kunden geben es mir von sich aus am Anfang. Manchmal passiert es, dass jemand das danach vergisst und ich sanft erinnere. Zwei oder drei Mal ist es sogar schon passiert, dass wird es beide vergessen haben. Jedes Mal bekam ich innerhalb von einer Stunde einen Anruf: „Ich hab dir gar kein Geld gegeben! Wie machen wir das jetzt?“ Ich habe das Geld jedes Mal bekommen, per Überweisung oder beim nächsten Treffen.

Ja, ich bin auch schon um Geld betrogen worden – drei oder vier Mal, in über fünfzehn Jahren. Da war es dann meist nicht mal das Geld (obwohl das in einem Fall echt auch weh tat), sondern viel mehr das Gefühl, betrogen und nicht repektiert worden zu sein. Das hat mir auf Wochen den Spass an der Arbeit verdorben, und ich musste mich zwingen, nicht jedem weiteren Kunden mit Misstrauen zu begegnen. Wenn ich darüber nachdenke, wie häufig ich von Menschen in „seriösen“ Berufen höre, dass sie hinter ihrem Geld herlaufen – egal ob es Handwerker, Ärzte u.a. – ist das bei mir harmlos. Also: Ich habe echt tolle Kunden! Danke!


* Bitte nicht verwechseln: Es gibt das Prostitutionsgesetz (ProstG) von 2002, durch das Prostitution in Deutschland legal wurde. Darin wird Prostitution als Dienstleistung definiert und es sollte den sozialen Status von Prosituierten verbessern. Seitdem können sich Prostituierte z.B. gesetzlich krankenversichern – und eben auch ihren Lohn einklagen. Seit 2017 gibt es zusätzlich das Prostitutionsschutzgesetzt (ProstSchG), dass Sexarbeitenden und den Betreibern von Prostitutionsbetrieben eine Reihe von Pflichten auferlegt, u.a. die Registrierung von Sexarbeitenden und eine Genehmigungspflicht für Betreiber. Dieses Gesetz wird von vielen als Schikane empfunden und die angebliche Schutzwirkung für Sexarbeitende wird stark angezweifelt.

Selbststimulation

Vor ein paar Tagen habe ich über die Verbreitung von Pornos geschrieben und darüber, welche Auswirkungen diese auf unser Bild von Sex haben. Heute möchte ich ein verwandtes Thema ansprechen: die Frage, wie ich meinen Körper behandle, wenn ich mich selbst stimuliere.

Lange Zeit galt Masturbation als schädlich und verwerflich und es wurde versucht, sie zu unterdrücken. In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Ansicht gewandelt. Gerade Sexualtherapeuten halten Selbstbefriedigung für wichtig, da sie ein guter Weg ist, die eigenen Reaktionen und Wünsche kennenzulernen – in der Pubertät, aber auch noch danach.

Mittlerweile werden Menschen, die sich nicht selbst befriedigen, eher skeptisch betrachtet, als irgendwie verklemmt und ohne Zugang zum eigenen Körper. Das finde ich übertrieben. Eine Sexarbeiterin hat während des ersten Lockdowns einen Blog geschrieben darüber, dass sie selten masturbiert, weil sie einfach viel Kontakt und Erotik mit anderen Menschen lebt, und wie sehr ihr das im Lockdown plötzlich fehlt. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich masturbiere zwar, aber meist eher als Einschlafhilfe als mit echter Begeisterung.

Das andere Ende des Extrems sind Menschen, die sehr exzessiv masturbieren, und/oder häufig mit Hilfsmitteln. Vibratoren sind ein tolles Spielzeug und eine besondere, intensive Art der Stimulation. Auf Dauer senken sie jedoch die Sensitivität; der Körper gewöhnte sich an sehr starke Reize und es wird schwieriger, sich mit der (scheinbar geringeren) Stimulation durch die eigenen Finger zum Orgasmus zu bringen.

Ähnlich ergeht es Männern, die Selbstbefriedigung zur schnellen Triebabfuhr nutzen. Häufig konditionieren sie sich damit selber auf eine sehr harte, schnelle Stimulation, und kriegen dadurch auf Dauer Probleme, beim Sex oder bei Berührungen durch jemanden anders zum Höhepunkt zu kommen. Solche Männer erlebe ich durchaus auch bei mir häufiger, die meine Berührungen und den Sex zwar genießen, es dann aber selbst „zu Ende bringen“ müssen.

Im Tantra versuchen wir das Gegenteil: Dort gibt es sogenannte Selbstliebe-Rituale, in denen es darum geht, sich selber ganz viel Zeit für die Berührung des eigenen Körpers zu nehmen. Im Grunde ist es eine Tantra-Massage, die man sich selbst gibt – mit allen Möglichkeiten einer solchen Massage.

Also, denk gerne mal darüber nach, wie Du mit Deinem Körper umgehst, wenn Du Dich selber anfasst, und welche Auswirkungen das auf Deine gesamte Sexualität hat!


In den Kommentaren findet Ihr noch einen Link zu einem Youtube-Video, in dem ein Mann von seinen Erfahrungen mit Selbststimulation in der Tantra-Ausbildung bei Diamond Lotus in Berlin berichtet und seine Gedanken dazu und zu dem Thema generell schildert. Fand ich sehr spannd, schaut gerne mal rein.

Porno ist Leistungssport

Seitdem es das Internet gibt, hat die Verbreitung von Pornographie massiv zugenommen. Manche Soziologen sprechen gar von einer „Pornofizierten Gesellschaft“ und beklagen, wie sehr Porno-Ästhetik in den Mainstream hinübergeschwappt ist.

Generell habe ich nichts gegen Pornos. Pornos sind jedoch wie Aktionfilme: Es wird nach Highlights gesucht, es muss möglichst aufregend sein, Pausen und Pannen sind nicht vorgesehen. Und während niemand auf die Idee kommen würde, sich selbst mit Schauspielern und Stuntmen in Aktionfilmen zu vergleichen, scheint vielen Menschen nicht bewusst zu sein, dass auch die Hochglanz-Bilder aus Pornos weit von dem Sex entfernt sind, den normale Menschen haben.

Porno-Darsteller müssen hohe Anforderungen erfüllen, sowohl was ihr Aussehen angeht als auch bezüglich ihrer Leistungen. Bei Männern wird dann auch gerne mit Viagra nachgeholfen, bei Frauen hilft einfach Zähne zusammenbeißen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Was in einem Gangbang-Video so geil aussieht, ist wahrscheinlich nur in den wenigsten Fällen wirklich Spaß, sondern häufig harte Arbeit für alle Beteiligten.

Wenn jetzt jemand zu mir kommt und unbedingt das erleben möchte, was er vor ein paar Tagen in einem Porno gesehen hat, führt das häufig zu Enttäuschungen. Es gibt bestimmte Dinge, die ich nicht trainiere und demnach meinem Körper auch nicht unbedingt zumuten möchte. Wenn ich die Aktive bin, scheitert es auch mal an den körperlichen Möglichkeiten meines Spielpartners.

Ich würde mir bei aller Geilheit wünschen, dass sich mehr Männer einen Moment Zeit nehmen, um über die Technik bestimmter Spielarten nachzudenken und über die damit verbundenen Risiken – und dann realistisch zu beurteilen, ob das möglich ist und wirklich das, was sie erleben wollen (und ob sie ggf bereit sind, Zeit fürs lernen und üben zu investieren).


Ich habe schon mal über Pornos geschrieben, am 3. Juli 2019 in meinem Blog „No Porn just a Sex Film“.

Preisgestaltung

Während der Pandemie wurde immer wieder der Verdacht geäußert, dass Sexarbeiterinnen gezwungen wären, mit ihren Preisen nach unten zu gehen und/oder ihren Service zu erweitern. In den letzten Monaten gehen meine Beobachtungen eher in die andere Richtung: die Anzahl der Frauen in der Sexarbeit hat abgenommen, und einige Frauen nutzen dass, um jetzt ihre Preise deutlich zu erhöhen.

Über Preise in der Sexarbeit wurde schon immer heftig diskutiert. Häufig zogen Kunden den Vergleich zu ihren eigenen Stundenlöhnen heran – ein Vergleich, der deutlich hinkt, da viele Sexarbeiterinnen auch massive Kosten haben und Umsatz und Gewinn dadurch sehr weit auseinanderliegen, und zudem keine Frau in der Lage ist, wirklich Vollzeit zu arbeiten (selbst wenn die Nachfrage da wäre, ist dies körperlich und psychisch nicht machbar).

Vor kurzem habe ich (in einem anderen Zusammenhang) folgende Aussage gelesen: „My prices are based on my talent – not your budget!“ („Meine Preise basieren auf meinem Talent – nicht deinem Budget!“) Diese Aussage ist gerade sehr modern und wird z.B. von vielen Business Coaches propagiert. Auch in anderen Bereichen werden meiner Meinung nach völlig überzogene Preise aufgerufen, und wenn jemand etwas dagegen sagt, wird das als mangelnder Respekt gegenüber der Anbieterin ausgelegt – das muss es dir halt wert sein, und ich bin mir das selber wert, diese Preise zu verlangen!

Ich ziehe da für mich persönlich eine moralische Grenze. Es fällt mir leichter, solche Preise zu akzeptieren bei Frauen, die wirklich dafür gearbeitet haben (u.a. indem sie lange im Geschäft sind und sich einzigartige Konzepte erarbeitet haben), als bei Berufsanfängerinnen und/oder esoterisch anmutenden Begründungen. Bei vielem sage ich auch einfach: okay, kannst du machen, zahle ich aber nicht – so wie es dem Kunden mancher Sexarbeiterin wohl auch gehen wird.

Zurück zu meinem Blick als Anbieterin: Meine Preise sind immer lange konstant geblieben. Während der Pandemie sind sie eher gesunken, da ich mein Konzept dahingehend geändert habe, dass ich einen fixen Stundenpreis nehme und keine Extras mehr berechne (aber auch nicht weniger nehme, wenn ich z.B. nur Massage mache). Entgegen der obigen Aussage habe ich auch das Budget meiner Kunden im Auge. Manchen fällt es leicht, meine Preise zu zahlen; für manche ist es aber auch eine nicht unerhebliche Summer in ihrem Budget. Ich hatte nie den Ehrgeiz, High Class Escort zu werden und Urlaub in Luxushotels zu machen – das ist einfach nicht meine Welt. Ich freue mich für die Frauen, die das für sich leben; ich bleibe lieber in meinem Mittelschicht-Alltag und treffe mich mit ebensolchen Kunden.

Risikenbewertung

Mir gehen die Lockerungen der Corona-Verordnungen zu schnell. Die totale Aufhebung der 2G/3G-Regeln, das Fallen der Maskenpflicht an sehr vielen Orten… Es erinnert mich an den letzten Sommer. Da haben wir auch gedacht, es wäre vorbei, und im Herbst ging es (vorhersehbar) wieder los.

Gefühlt habe ich in meinem Bekanntenkreis gerade viele Corona-Fälle. Nicht so sehr in meinem Freundeskreis, aber in meinen Yoga-Gruppen fallen sagen regelmäßig Leute ab, weil sie Corona haben, und auch einige meiner Kunden erzählen, dass sie eine Infektion hinter sich haben.

Ich bin verunsichert und weiß nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll. Einerseits genieße ich es, auch mal wieder an Yoga-Stunden teilzunehmen, bei denen 16 Menschen im Raum sind – die Energie ist so unglaublich toll! Andererseits wollte ich gerne zum Dom, habe aber davon Abstand genommen, als ich auf Bildern das Gedränge gesehen habe. Ebenso habe ich vor ein paar Tagen Konzertkarten verfallen lassen; mit 2G-Regel und Abstand wäre ich wohl hingegangen, aber so ist mir das Risiko in Konzertsaal, Kino etc noch zu groß.

Vor vielen Jahren hatte ich einen schweren Unfall (mit einem Motorroller), und seitdem denke ich anders über Risikobewertung. Ich frage mich nicht nur, wie gefährlich etwas ist, sondern auch, wie viel es mir wert ist. Beispiel Sportunfälle: Es kam für mich nie in Frage, das Reiten aufzugeben; beim Motorrad fahren, Ski fahren u.a. überwiegt für mich das Risiko den Nutzen – es ist mir einfach nicht wichtig genug, ich kann gut darauf verzichten.

Die gleiche Logik wende ich auch auf Infektionsrisiken an: Bei erotischen Treffen oder Yogastunden ist mir das Erlebnis das Risiko wert. Bei Konzerten oder Kino ist es das nicht. Im Moment genieße ich einfach den Frühling, meist eher außerhalb der Stadt. Die nächsten Veranstaltungskarten habe ich für den Sommer, ein verschobener Termin für die „Rocky Horror Show“; ich bin gespannt, wie dann mein Gefühl dazu sein wird.

Geschichte: Sieh mich an

Sieh mich an – wie ich nackt auf dem Bett liege, entspannt, die Arme über dem Kopf abgelegt. Lass deinen Blick über meine Körper gleiten. Fang unten an, folge der Linie meiner Beine, das linke gestreckt, das rechte leicht angewinkelt. Der Flaum meiner Schamhaare. Über den Bauch zu meinen Brüsten. Bleib nicht dort hängen mit deinem Blick, sondern folge der Linie meines Halses, über mein Gesicht, und sieh mir in die Augen.

Lasse deine Aufmerksamkeit einfangen von der Bewegung meines Armes, den ich langsam nach unten ziehe, an meinem Körper entlang. Die Hand kommt auf meinem Bauch zu liegen. Sieh hin, wenn ich langsam die Beine spreize und meine Hand dazwischen schiebe.

Sieh zu, wenn meine Finger die Schamlippen teilen, dir den Blick auf den intimsten Teil meines Körpers erlauben. Beobachte meine Finger, die meine Perle reiben. Zwei Finger, die von der Seite Druck ausüben, Lust erzeugen. Beobachte, wie sich meine Muskeln anspannen, wie das Becken nach vorne kippt.

Sieh mich an, wenn meine Augen sich schließen. Wenn mein Atem schneller geht, mein Mund sich öffnet, mein Kopf in den Nacken fällt.

Sieh hin, wenn meine Finger schneller über meine Perle reiben. Wenn sie kurz tiefer gleiten und meine Nässe verteilen. Sieh das Glänzen zwischen meinen Beinen, höre das leise Geräusch, das meine nassen Finger verursachen, wenn sie mich immer heftiger stimulieren.

Sieh mich an, wenn mein Atem zu Stöhnen wird, wenn mein Körper sich weiter anspannt, meine Finger sich schneller und schneller bewegen. Sieh hin, wenn meine Beine anfangen zu zittern und sich das Beben dann in mein Becken fortsetzt. Beobachte, wie meine intimen Muskeln zucken, wenn ich komme.

Heben den Blick, sieh wie meine Augen sich langsam wieder öffnen. Begegne meinem Blick. Sieh mich.


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Warum bist du nicht mehr im Glamoresse?

Von Oktober 2015 bis März 2020 (also 4,5 Jahre) hatte ich ein Zimmer im Glamoresse, einem Bizzar-Studio in Hamburg-Billbrook. Viele meiner Kunden haben mich dort kennengelernt. Wenn sie mich jetzt nach dem Lockdown in meiner Wohnung treffen, werde ich häufig gefragt: „Warum bist du denn nicht mehr im Glamoresse? Hat es dir dort nicht mehr gefallen?“

Als im März 2020 der Lockdown kam, hatte ich meinen Raum im Glamoresse schon gekündigt. Ich hatte einen Teilzeit-Job angenommen (der dann leider die Corona-Krise nicht überstanden hat). Nach dem ersten Lockdown schrieb mich die Kollegin an und fragte, ob ich wiederkommen würde. Mir war die Situation zu unsicher, also habe ich das abgelehnt. Mittlerweile liegt die Corona-Krise (hoffentlich) hinter uns, und es kristalisiert sich immer mehr heraus, dass ich wohl nie zurückgehen werde.

Der Hauptgrund dafür ist, dass Sexarbeit nicht mehr meine einzige Tätigkeit ist. Das Zimmer im Glamoresse zu mieten ist sehr teuer; es rechnet sich nur, wenn ich 5-6 Tage die Woche dort bin, also in Vollzeit. Im Moment mache ich nur eine handvoll Dates in der Woche – und es geht mir sehr gut damit!

Das Zimmer in meiner Wohnung bietet nicht die erotischen Spielmöglichkeiten wie es im Glamoresse möglich war (z.B. im Schwarzen Studio). Andererseits gefällt es vielen Kunden, weil es ruhiger und persönlicher ist. Für mich hat es den großen Vorteil, dass es neutraler ist. Ich nutze den Raum nicht nur für erotische Treffen, sondern auch für ´Massagen und für Yoga und Coaching. Ins Glamoresse hätte ich keine Kunden bringen können, wenn es nicht um erotische Treffen ging.

Ich habe mich im Glamoresse wohlgefült und habe sehr positive Erinnerungen an die Zeit dort. Manchmal gehen Dinge jedoch einfach vorbei und es ist Zeit weiterzugehen. Das erlebe ich in vielen Lebensbereichen so. In den letzten Monaten laufe ich regelmäßig an einem Tanzstudio vorbei, in dem ich früher 2-3 Mal in der Woche war. Manchmal habe ich dann den sentimentalen Gedanken, dass ich ja mal wieder hingehen könnte. Aber das Gefühl ist nicht mehr dasselbe. Genauso geht es mir, wenn ich am Glamoresse vorbeifahre. Es gibt viele schöne Erinnerungen, aber es gibt keinen Weg zurück.

Ghosting

Den Begriff „Ghosting“ kenne ich ursprünglich aus dem privaten Dating. Dort wird ein plötzlicher Kontaktabbruch als „Ghosting“ bezeichnet. Eine Person ist plötzlich nicht mehr erreichbar, reagiert nicht auf Anrufe, Nachrichten etc – völlig ohne Erklärung.

Jede Sexarbeiterin, die ich kenne, hat Telefonnummern in ihrem Handy, die gekennzeichnet sind mit einem Vermerk für „nicht reagieren“. In meinem Telefon gibt es auch solche Nummern. Viele Kunden beklagen sich darüber, wenn eine Sexarbeiterin nicht mehr auf Anfragen reagiert. Die meisten Frauen machen das jedoch nicht grundlos.

Der simpelste Grund: Jemand hat mich schon mal versetzt. Ich gebe keine zweiten Chancen, wenn jemand einen Termin vereinbart und dann nicht bestätigt oder nicht zum Termin kommt. Manchmal schreibe ich eine kurze SMS, häufig spare ich mir das auch – ich kriege eh nie eine Reaktion, wenn jemand sich so verhält. Also werde ich eigentlich zuerst geghostet. Ich speichere die Nummer und reagiere dann nicht auf erneute Anrufe.

Ähnlich ist es, wenn jemand einen Termin sehr kurzfristig absagt (weniger als zwei Stunden vorher). Da beantworte ich dann eine erneute Anfrage meist mit einer kurzen SMS: „Ich habe kein Interesse mehr an Treffen mit dir.“ Auf Diskussionen darüber lasse ich mich nicht ein, weitere Nachrichten beantworte ich nicht mehr. Ja, es kann immer mal was dazwischen kommen. Aber 80% sind Ausreden, und ich mache mir nicht die Mühe da zu differenzieren (außer bei Stammkunden).

Schwieriger ist die Situation, wenn ich aus anderen Gründen entscheide, einen Kunden nicht mehr sehen zu wollen. Manchmal fühle ich mich einfach mit jemandem nicht wohl. Dabei geht es meist nicht mal darum, dass meine Grenzen überschritten werden, sondern viel häufiger um Chemie. Manchmal hat ein Kunde einfach eine andere Vorstellung von der Stimmung eines Dates, von dem grundlegenden Vibe der gelebten Erotik. Wenn ich Glück habe, erlebt das auch die andere Seite so, und er vereinbart keinen neuen Termin.

Wenn jemand einen neuen Termin mit mir vereinbaren möchte, mit dem ich mich nicht wohlfühle, kommt es vor, dass ich einfach ghoste. Manchmal schreibe ich eine kurze SMS: „Ich habe kein Interesse an einem (weiteren) Treffen mit dir.“ Das Problem ist, dass ich darüber nicht diskutieren möchte. Ich meine, es sind erotische Treffen – entweder es passt oder eben nicht. Es ist keine Beziehung, an der man arbeitet a la „ich werde mich ändern“.

Vielen Männern fällt es schwer, ein Nein von einer Sexarbeiterin zu akzeptieren. Selbst wenn ich eine klare Ansage gemacht habe, bekomme ich manchmal noch monatelang immer wieder Anrufe oder Nachrichten.

Magische Hände

Immer wieder sagen Kunden zu mir, ich hätte „Magische Hände“. Darüber freue ich mich jedes Mal sehr!

„Anfassen ist simpel, Berühren ist Kunst.“ ist ein Zitat, das gerne genutzt wird von Menschen, die Massagen geben. Aber wo genau liegt der Unterschied?

Ich habe im Laufe der Jahre viel über Massagen gelernt, durch Kurse und auch einfach durch Erfahrung. Das Thema Berührungen hat mich schon immer fasziniert. Nicht mal so sehr die verschiedenen Massage-Techniken, sondern mehr noch die Frage: worauf kommt es an, um den anderen wirklich zu berühren?

Meiner Meinung nach geht es vor allem um zwei Dinge: Um Langsamkeit und um Absicht.

Es dauert eine Weile, Berührungen auf der Haut zu spüren. Gerade Anfänger massieren häufig viel zu schnell. Am Anfang kann man eigentlich nicht langsam genug massieren. Der Körper braucht Zeit, sich an die Berührung zu gewöhnen und ins Spüren zu kommen. Und der Geist braucht Zeit, um im Moment anzukommen und die Gedanken zur Ruhe zu bringen.

Berührungen sollten absichtslos sein. Also, Absichtslosigkeit ist die Absicht vieler Massagen… Klingt kompliziert? Eigentlich gar nicht. Bei Berührungen geht es darum, sich darauf einzulassen, was derjenige braucht, der gerade berührt wird. Beim Anfassen steckt meist eine Absicht dahinter: Ich möchte etwas erreichen, beim anderen oder für mich. Das kann funktionieren, kann aber auch sehr negative Gefühle hervorrufen.

Jemanden wirklich zu berühren ist es, was eine Massage auch für den Gebenden so spannend macht. Ich liebe es, mich reinzufühlen in die kleinsten Reaktionen des anderen: eine leichte Veränderung der Hautspannung, ein leiser werden des Atems, das Nachgeben der Muskeln…

Dann brauch es hinterher gar keine Koplimente, sondern Körper und Reaktionen sagen mir schon alles, was ich wissen möchte. Über Komplimente freue ich mich natürlich trotzdem!

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