Traumfrau mit Nebenwirkungen

Blog von Tina, Sexarbeiterin aus Hamburg

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Buch: „Red Light“ von Phoebe Müller

„Ich bin eine Motte.“

Das ist der letzte Satz eines Buches, das einen Platz sehr weit oben auf der Liste meiner Lieblingsbücher hat. Der Anfang lautet:

„Es war vor einigen Jahren und begann damit, dass ich vom roten Lichtschein angezogen wurde. Wie eine Motte. Unfreiwillig.“

Zwischen diesen Sätzen erzählt die Autorin auf 150 Seiten mit leichter, poetischer Sprache und doch sehr viel Tiefe die (fiktive?) Geschichte einer jungen Journalistin, die vom Rotlicht einer Bar angezogen wird, ihm nicht widerstehen kann und in den Sog des Nachtlebens gerät. Die Erzählung schwankt zwischen Lachen und Weinen, erzählt sehr viel von Faszination, von Abenteuer, von Zusammenhalt, aber auch von schweren Momenten und der ständigen Suche nach der eigenen Identität.

Ich finde mich an sehr vielen Stellen wieder, gerade in der ständigen Ambivalenz der Protagonistin. Ja, ich bin auch eine Motte…

(Re-Post vom 16.07.15)

Nähe

„Ich bin in der Lage, Begegnungen voll echter Nähe und Intimität zu kreieren.“ Das habe ich mal über mich in einem Profil geschrieben. Doch was genau bedeutet eigentlich „Nähe und Intimität“? Vor allem in der Sexarbeit?

„It was never „just sex“. Even the fastest, dirtiest, most impersonal screw was about more then sex. It was about connection. It was about looking at another human being and seeing your own loneliness and neediness reflected back. It was recognising that together you had the power to temporarily banish that sense of isolation. It was about experiencing what it was to be human at the basest, most instinctive level.“

Nähe und Intimität setzt voraus, sich verletzlich zu machen und in Kontakt zu gehen. Das muss man wollen, und man kann es üben. In manchen Begegnungen fällt es uns leicht, in anderen nicht.

Ich übe das schon sehr lange (und glaube auch, ein Talent dafür zu haben). Viele sagen über mich, dass meine Gegenwart beruhigend und erdend wirkt. Ich freue mich darüber, und noch mehr, wenn jemand sich darauf einlassen und sich berühren lassen kann.

Manchmal entsteht so auch in der Anonymität von Sexarbeit ein Gefühl von Nähe. Das Bewusstsein vorausgesetzt, dass Nähe niemals absolut ist, können so wunderschöne Momente entstehen, die einen Wert für sich haben und nährend wirken über die körperliche Entspannung hinaus.

(Das Zitat stammt aus dem Roman „Taming the Beast“ von Emily Maguire.)

Winterhaut

Jetzt ist es eindeutig Winter. Wir packen uns alle in dicke Kleidung, tragen Mäntel und Stiefel, und gehen nur noch wenig nach draußen. Drinnen drehen wird die Heizung auf und genießen es, uns zurückzuziehen und einzukuscheln. Was bleibt auch sonst, wenn es draußen dunkel und kalt ist.

Wenn ich zu dieser Zeit Menschen berühre, tragen sie den Winter deutlich auf ihrer Haut. Die Heizungsluft lässt die Haut trocken werden, die viele Kleidung sorgt für Reibung. Wenn meine Fingerspitzen über diese Haut gleiten, fühlt die sich rau an.

Meine eigene Haut neigt nicht zu Trockenheit, und ich achte auch darauf, mich zumindest an den Beinen einzucremen. Für meine Kunden übernehme ich das in einer Massage: Öl oder Creme, die ich mit langen Strichen über der Haut verteile und sanft einreibe. Die Haut dankt es, und es ist fast schade, danach unter die Dusche zu gehen.

Die meisten Männer cremen sich nicht selber ein. Schade, denn das kann auch ein schönes Ritual sein, um dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun und sich selbst besser kennenzulernen. Im Tantra würde man daraus glatt ein Selbstliebe-Ritual machen… Frauen fällt das irgendwie sehr viel leichter als Männern.

Corona-Gespräche

Schon seit Monaten gibt es kein Gespräch, dass nicht an irgendeinem Punkt das Thema Corona berührt. Eigentlich sind wir alle müde und würden uns gerne wieder anderen Dingen widmen. Und doch wird uns das Thema noch eine Weile begleiten; zumindest noch in diesem Winter, ich denke auch noch im nächsten.

Am Montag bin ich spontan geboostert worden, bei einer Impf-Aktion hier im Viertel. Seit meiner zweiten Impfung sind erst vier Monate vergangen, aber mit dem Argument „körpernahe Dienstleistung“ haben sie mich durchgewunken. Danach hatte ich mehr Nebenwirkungen als nach den ersten Impfungen (Kopfschmerzen und Müdigkeit), aber das ist ein kleiner Preis als Schutz vor der Krankheit – und um unser Leben zurückzubekommen.

Wobei ich mittlerweile nicht mehr glaube, dass es in absehbarer Zeit wieder so unbeschwert werden wird wie vor der Corona-Pandemie. 2-3 Jahre mit Abstand und Masken, aber auch mit politischen Diskussionen und verschiedenen Ansichten zu Gesundheitsthemen verändern vieles. Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass viele Dinge mittlerweile online stattfinden; ich denke aber, das wird in vielen Bereichen so bleiben, oder zumindest Hybrid.

Ich hatte angefangen wieder ab und zu auszugehen oder zumindest mal in ein Restaurant. Aber die Stimmung ist komisch, und die Preise sind so angestiegen, dass ich meist doch eher zu Hause bleibe. Mit Kunden führe ich ständig diese Gespräche: wie viele Kontakte, wann zuletzt getestet (jeden Morgen) – ich bin so müde! Weihnachten werde ich zu Hause verbringen, die Zugfahrt zu meinen Eltern ist mir zu riskant. Das lässt mir Zeit darüber nachzudenken, wie ich im nächsten Jahr weitermachen möchte.

PrEP

Seit ein oder zwei Jahren werde ich bei meinen Vorsorge-Untersuchungen gefragt, ob ich eine PrEP nehme. Beim ersten Mal fand ich die Frage absurd, da dieses Medikament gerade erst zugelassen war, aber mittlerweile scheint es ziemlich weit verbreitet zu sein.

PrEP steht für Prä-Expositions-Prophylaxe und ist ein Medikament, das eine HIV-Infektion verhindert, wenn man es täglich einnimmt. Überwiegend wird es von schwulen Männern genommen, ist aber nicht auf diese beschränkt. PrEP muss vom Arzt verschrieben werden und eine Kontrolluntersuchung alle drei Monate ist Pflicht. Bei dieser Untersuchung wird u.a. die Nierenfunktion geprüft, da diese durch das Medikament beeinträchtigt werden kann.

Vor kurzem habe ich einen Roman gelesen, in dem die Protagonistin bevorzugt ungeschützten Sex hatte und versuchte, sich dabei durch die Einnahme von PrEP und Antibiotika zu schützen. Theoretisch wäre das auch für Sexarbeiterinnen eine Option. Praktisch halte ich das für eine dumme Idee.

Jedes Medikament hat Nebenwirkungen, weswegen ich meinem Körper so wenig Medikamente wie nötig zumute. Die PrEP schützt nur vor HIV, nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten, und eine dauerhafte (oder auch nur häufige) Einnahme von Antibiotika ist auf jeden Fall gesundheitsschädlich. Kondome schützen völlig ohne Nebenwirkungen.

Ich mag auch den psychologischen Effekt von Kondomen: Beiden wird das Risiko bewusst und sie übernehmen Verantwortung. Schon beim Thema Schwangerschaft wird das oft der Frau überlassen, und über Krankheiten machen sich noch weniger Männer Gedanken (meiner Erfahrung nach die jüngeren noch eher als ältere Semester). Da muss unbedingt ein Umdenken stattfinden, auch außerhalb von festen Beziehungen.

(Re-Post vom 07.01.21)

Inspiration und Kopie

In den letzten Tagen habe ich gleich zwei Texte von anderen Frauen gelesen, in denen ich mich so sehr wiedergefunden habe, dass ich mir wünschte, ich hätte sie geschrieben – oder zumindest, ich hätte selbst etwas zu dem Thema geschrieben, was dann vermutlich anders geworden wäre, aber doch verwandt.

Viele meiner Inspirationen kommen von Dingen, die ich in Büchern oder im Internet lese; meist sind es nur Kleinigkeiten, ein Satz, ein Gedanke, den ich dann fortspinne. Daran finde ich nichts verwerfliches, so arbeiten wohl viele Autoren. Ein ganzes Thema, wie oben erwähnt, würde ich aber nicht direkt aufgreifen – das kommt mir zu sehr nach Kopieren vor.

Mir ist es schon ein paar Mal passiert, dass Texte von mir von anderen Frauen kopiert wurden. Manchmal sehr offensichtlich, manchmal auch nur einzelne Sätze, z.B. aus einem Profiltext. Ich reagiere da sehr empfindlich drauf. Zum einen steckt viel Arbeit in meinen Texten, da will ich dann auch selber die Anerkennung dafür bekommen. Zum anderen sind es meine Worte und Gedanken, in meinem Stil ausgedrückt – wie kann es da eine andere Frau wagen, sich das anzueignen?!

Ein Mal ist es passiert, dass ein Mann (von dem ich mich eh gestalkt fühlte) in einem Forum eine Geschichte von mir fortgeschrieben hat. Das hat mir den Spaß an dieser Geschichte verdorben und ich fand es übergriffig. Andere Menschen sehen das anders, sie können sowas sogar als Kompliment sehen (so wie z.B. im gesamten Bereich der Fan Fiction).

Unter meine Geschichten schreibe ich immer drunter, dass ich das Copyright habe und diese nicht kopiert oder an anderer Stelle veröffentlicht werden dürfen. Ich denke nicht, dass das ernst genommen wird; die meisten Menschen halten Texte und Bilder im Internet für frei verfügbar und finden da nicht Schlimmes bei, sie zu kopieren (meist ohne Quellenangabe).

Geschichte: Half a boy half a man

In den vergangenen Stunden hatte ich mich mehrfach gefragt, warum er zu mir gekommen war. Er war jung, gut 15 Jahren jünger als ich. Ein gutaussehender, sportlicher junger Mann, der gerade arg nervös war, aber ansonsten nicht übermäßig schüchtern wirkte. Versteht mich nicht falsch: Ich halte mich durchaus für attaktiv, sonst wäre ich nicht hier. Aber auch an meinem Körper hinterließ das älter werden Spuren – mit denen ich entspannt umging, die mich aber für einige Männer unattraktiv machten.

Doch seine Hände glitten über die Polster an meinem Hüften, als suche er nach etwas. Seine Arme umklammerten mich zeitweise so fest, dass es weh tat. Sein Körper suchte meine Nähe, doch die Sexualität wirkte aufgesetzt. Seine Bemühungen, mich zu erregen, waren geschickt, aber ziellos. Sein eigener Körper fügte sich nicht seinen Wünschen, seine Lust war flatterhaft, teilweise gezwungen. Ich mochte die Nähe seines Körpers; die Ungezwungenheit unseres Zusammenseins und die Art, wie wir in enger Umarmung kurz zur Ruhe kamen. Gesprochen haben wir dabei kein Wort, es gab nur kurze Blicke und leise Laute.

Auch hinterher sprachen wir kaum, saßen uns stumm gegenüber. Ich strich über seinen Arm, stellte ein letztes Mal Nähe her. Als es schon fast Zeit war zu gehen, griff er plötzlich heftig nach meiner Hand. Ich hielt ihn, bis er mit tränenfeuchten Augen zu mir aufsah. Dann ging er, und der Abschied war endgültig. Doch der Blick des verlorenen Jungen in seinen Augen begleitete mich auf dem Heimweg, und ich wünscht ihm, dass er woanders fand, was er so dringend suchte.

(geschrieben am 30.05.18)


Geschichten unterliegen meinem Copyright und dürfen nicht kopiert und/ oder an anderer Stelle im Internet veröffentlicht werden!

Der Zauber von Geschichten

Erotische Geschichten waren immer ein großer Teil meines Schreibens. Wenn ich einzelne dieser Geschichten hier im Blog veröffentliche, bekomme ich da immer viel Feedback und Komplimente für. Öfter sagt mir jemand, dass er sich vorstellt, die Geschichten seien alle genau so passiert, und/ oder jemand möchte „genau das in der Geschichte“ mit mir erleben.

Meine Geschichten sind so gut wie nie hundertprozentig so passiert. Selbst wenn ich ein reales Erlebnis nacherzähle, ändere ich manchmal das Setting, und in vielen Fällen ändere ich Kleinigkeiten im Ablauf, damit die Geschichte besser fließt und der Spannungsbogen stimmig ist.

Nachspielen lassen sie sich nicht! Besondere Erlebnisse entstehen immer im Moment, in einer ganz bestimmten Stimmung. Wenn ich denselben Ablauf mit einem anderen Mann plane, ist dieser Mann anders und meist auch das Setting. Die Stimmung kann sich in eine ganz andere Richtung entwickeln. Wenn ich dann am Ablauf der Geschichte festhalte, wird das Ergebnis meist holprig und unbefriedigend. Also löse ich mich davon – und kreiere ein neues, wahrscheinlich ganz anderes Erlebnis.

Manche meiner Geschichten haben auch gar keinen realen Hintergrund, sondern entspringen einer spontanen Idee, einer Fantasie, einer Stimmung oder etwas, das ich irgendwo gelesen oder gesehen habe. Diese Geschichten sind für mich wertvoller als die real erlebten, den sie geben die Essenz eines Gefühls wieder – etwas, das genau beschreibt, wer ich in diesem Moment bin.

Es passiert übrigens durchaus, dass ich alte Geschichten und Texte von mir lese und mich nicht daran erinnere, das so geschrieben und erlebt zu haben. Ich kann mich also selber mit meinen eigenen Geschichten überraschen und berühren… (so wie es sonst häufig die Geschichten anderer Autoren tun, die mich ein Stück meines Weges begleiten).

Worauf man alles achten muss

Wichtigste Regel als Sexarbeiterin: Keine Spuren hinterlassen! Zum Glück habe ich eh keine Vorliebe für auffällige Düfte, starkes Make-up o.ä., so dass sich meine Kunden darüber keine Gedanken machen müssen. Wenn jemand sehr vorsichtig ist, rate ich dazu, ein eigenes Duschgel mitzubringen – aber auch das ist bei mir relativ geruchsneutral, ebenso wie Massageöl o.ä.

Ich spiele nicht mehr viel im SM-Bereich, so dass Spuren in Form von blauen Flecken, Striemen o.ä. eigentlich nicht vorkommen. Generell wird sowas vorher angesprochen, und die meisten Kunden sind sich des Risikos bewusst (und meistens lässt sich auch eine andere Ausrede finden, falls es doch mal einen blauen Flecken gibt).

Gestern schrieb mich ein Kunde ein paar Stunden nach dem Date an: er hätte Ausschlag auf dem Oberarm, woran das liegen könne? Ich habe es in alle den Jahren noch nie gehabt, dass jemand auf etwas, das ich benutzt habe (Öl, Gleitmittel, Kondome, Body Lotion etc) allergisch reagiert hat. Hier ließ sich die Lösung aber schnell finden: Ich hatte am Abend vorher meine Haare gefärbt! Und während des Dates eine ganze Weile entspannt an in gekuschelt gelegen, den Kopf auf seinem Oberarm.

Ich bin immer noch erstaunt, dass das eine solche allergische Reaktion hervorrufen konnte, obwohl die Haare trocken waren. Er hat es zum Glück locker genommen; es war wohl auch nicht schmerzhaft und ging schnell wieder weg.

Buch: Mein heimliches Auge

Heute ist meine diesjährige Ausgabe von „Das heimliche Auge“ gekommen. 350 Seiten voll mit erotischen Geschichten, Fotos, Zeichnungen, Gedichten – ein wunderschönes Buch zum blättern und genießen.

Zugegeben, ich lese das Buch nie ganz, meist noch nicht mal die Hälfte. Aber ich liebe es, es immer wieder in die Hand zu nehmen, zu blättern, hier und da eine Seite zu lesen. Manchmal lasse ich mich von einer Geschichte einfangen und lese sie ganz.

Was ich an diesem Buch so liebe, ist die rückhaltlos positive Einstellung zu Erotik in ihrer Vielfalt. Auch wenn mir manches zu pornografisch ist, oder nicht meine Spielart, oder nicht mein Geschmack – es macht trotzdem Spaß, sich ganz in dieses bedingungslose JA hineinfallen zu lassen, in dieses Annehmen und Anerkennen der Tatsache, dass Menschen sexuelle Wesen sind und das auch leben wollen.

„Mein heimliches Auge“ erscheint jedes Jahr im Konkursbuch-Verlag (an dieser Stelle eine allgemeine Empfehlung dieses Verlags, wenn es um erotische Bücher geht). Dieses Jahr ist die 36. Ausgabe dieses „Jahrbuch der Erotik“.

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