Blog von Tina, Sexarbeiterin aus Hamburg

Autor: Tina (Seite 1 von 57)

Termin oder Verabredung?

Bei kaufmich werden die Treffen mit einer Sexarbeiterin als Date bezeichnet, und auch ich benutze diesen Begriff immer wieder. Alternativ sage ich einfach Treffen oder auch mal Termin. Bei Termin habe ich aber das Gefühl, dass das von vielen Männern nicht gerne gehört wird, weil es halt geschäftlicher verstanden werden kann.

Andererseits ist genau das heute mein Thema: Treffen mit mir sind Termine und keine unverbindlichen Verabredungen, wie man sie mit Freunden oder halt auch Dates hat. Immer wieder passiert es mir, dass jemand mich anruft um einen Termin zu machen und dann anfängt: „Ja, ich bin ja dann vorher noch da und da und weiss nicht genau wie lange das dauert, also irgendwann ab …“ oder „Ich komme dann aus XY und weiß ja nicht, wieviel Verkehr auf den Straßen ist, also wohl irgendwann am Nachmittag.“ Das funktioniert nicht!

Wenn ich mich mit Freunden verabrede, ist das Freizeit. Da kann ich dann schon mal locker sagen: ja, heute Abend, wir schreiben uns noch zusammen – ich hab Feierabend und les halt noch ein Buch, falls es später wird. Wenn ich Kunden treffe, ist das meine Arbeit, und die muss organisiert werden. Ich blocke für jeden Termin noch eine gute Stunde zusätzlich, um etwas Spiel zu haben und damit ich hinterher in Ruhe aufräumen und duschen kann. Jeder Termin von 1 Stunde dauert also für mich zwei, und damit ist die Anzahl der Termine am Tag begrenzt.

Wenn ich jetzt anfange, flexibel zu bleiben für die Männer, die sich nicht genau festlegen wollen, dann komme ich nicht nur nicht auf meine nötigen Termine, sondern habe auch keinerlei Freizeit mehr, in der ich etwas anderes machen kann als in der Wohnung zu warten. Also bitte, nehmt ein Treffen mit mir so ernst wie jeden anderen Termin (Arzt, Frisör, Massage etc) – und wenn Ihr nicht sicher seit, legt ihn etwas später und geht noch einen Kaffee trinken wenn Ihr früh dran seit.

Winterurlaub

Nun ist das Jahr 2026 schon 6 Wochen alt und die Zeit irgendwie sehr schnell vergangen. Anfang Januar hat der Schnee mein Leben auf Pause gedrückt, ich hatte nur wenige Dates und habe auch sonst nicht viel gemacht. Mittlerweile ist es zum Glück wieder getaut und ich habe die Hoffnung, dass die ganz kalten Tage hinter uns liegen – mir fehlt mein Fahrrad, die Bewegung an der frischen Luft, die Freiheit ständig unterwegs zu sein…

Im Februar habe ich wieder mehr Dates, und gleichzeitig ist die Zeit eng geworden. Am Samstag fliege ich in meinen jährlichen Geburtstagsurlaub, diesmal geht es für fünf Tage nach Lissabon. Bis dahin hab ich noch ein paar Dates und auch weiter Training mit meinem Pferd, lasse mich aber nicht stressen. Ich freue mich sehr auf die Auszeit, um danach mit neuer Energie in den Alltag und hoffentlich in den Frühling zu starten.

Persönliches Sicherheitsgefühl

Eigentlich habe ich immer gesagt, ich mache weder Haus- und Hotelbesuche noch Escort. Ich fühle mich einfach in meiner eigenen Umgebung am wohlsten und mag es, wenn alles genau auf meine Bedürfnisse abgestimmt ist und ich keine Kompromisse eingehen muss. Ab und zu treffe ich mal Männer außerhalb meiner Wohnung, die ich dann aber immer schon kenne.

Vor ein paar Monaten habe ich dann doch Hotelbesuche mit ins Angebot genommen, zugegeben etwas halbherzig und mit klaren Hürden (Mindestbuchungsdauer 2 Stunden, nur Hamburger Innenstadt, plus Fahrtkosten). Ich hatte nur eine handvoll Anfragen und aus keiner davon ist etwas geworden.

Für letzten Samstag hatte ich wieder so eine Anfrage, vereinbart mit gut einer Woche Vorlauf. Wir hatten in der Woche einige Male kurz geschrieben, es schien alles klar. Am Freitag kamen dann plötzlich noch weitere Anfragen, von Dingen die ich für längst geklärt hielt. Ich war irritiert und bat um einen Anruf am nächsten Tag – dieses ewige WhatsApp hin und her ist für mich eh nie vertrauenserweckend.

Samstag merkte ich dann, dass ich mich überhaupt nicht mehr gut fühlte mit dem Gedanken an den Termin. Ein paar Stunden habe ich das noch vor mir her geschoben und hin und her überlegt (das Geld wäre für mich auch nicht unerheblich gewesen), aber im Endeffekt habe ich den Termin dann von meiner Seite auf abgesagt. Er fragte noch, ob wir ihn Montag nachholen könnten, aber auch das habe ich abgelehnt und auch das Angebot von Hotelbesuchen wieder komplett aus meinem Angebot herausgenommen.

Vielleicht überlege ich mir das in Einzelfällen noch mal, oder halt wenn ich jemanden schon kenne. Aber insgesamt fühle ich mich einfach nicht wohl mit dieser Art von Terminen (und wohl auch nicht mit dieser Art von Kunden).

Frohe Weihnachten

Nun sind die stillen Tage da; die Wintersonnenwende liegt hinter uns und die Raunächte vor uns. Dies ist traditionell einen Zeit der Einkehr und der Rückbesinnung und Neuausrichtung.

Ich möchte diese Zeit wie immer nutzen, mich bei allen meinen Gästen des letzten Jahres zu bedanken. Es gab viele wundervolle Begegnungen mit liebgewonnenen Stammgästen und neuen Kunden. DANKE

Ich wünsche allen besinnliche Weihnachtstage und erholsame Raunächte, mit viel Freude und Licht in der Dunkelheit. Ich freue mich auf viele sinnliche Begegnungen im nächsten Jahr.

P.S. Ich werde nur den 24. und 25. Dezember bei meinern Familie verbringen, ab dem 26. sind wieder Treffen möglich, ebenso an Silvester und Neujahr.

Fast vergessen

Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, haben danach noch ein wenig geplaudert, und er steht schon an der Tür, als ich sage: „Ich bekomme noch etwas.“ Er reagiert nicht, und ich wiederhole es, und er zuckt merklich zusammen. „Oh, Mist, das ist mir jetzt aber peinlich“, sagt er und greift in die Hosentasche, um mir das Geld zu geben.

Es passiert immer wieder mal, dass ich Kunden an das Geld erinnern muss, und es war noch nie so, dass ich demjenigen dabei Absicht unterstellt habe. Ich sehe es eher als Kompliment, dass die Atmosphäre so entspannt und gemütlich war, dass dieser Aspekt völlig in den Hintergrund getreten ist. Demnach muss es auch niemandem peinlich sein.

Ab und zu passiert es sogar mal, dass beide das Geld vergessen. Vor drei Wochen war ein lieber Stammgast bei mir, wir hatten einen gemütlichen Herbstabend. Ich habe danach nicht sofort aufgeräumt, sondern war erst duschen und sass dann im Bademantel mit einem Kaffee auf der Couch, als mein Telefon schellte und ich seinen Namen auf dem Display hatte – es war ihm also eher aufgefallen als mir; mir fällt es meist beim Aufräumen des Zimmers auf, wenn das Wegpacken des Geldes mit zur Routine gehört. Er hat mir das Geld dann per Paypal geschickt. Auch in anderen Fällen habe ich das Geld immer bekommen, spätestens beim nächsten Termin.

Ich erzähle solche Geschichten gerne (obwohl ich immer etwas Angst habe, mich damit verletzlich zu machen). Ja, ich bin auch mal um Geld betrogen worden bei dieser Arbeit – aber es ist sehr viele Jahre her und mittlerweile überwiegen diese guten Erfahrungen. Ich finde es wichtig, für einen fairen Umgang miteinander zu werben und nicht in ständigem gegenseitigen Mißtrauen zu leben.

Aktuelle politische Diskussionen

In den letzten Wochen bin ich immer wieder mal gefragt worden, ob ich mir Sorgen über ein eventuelles Prostitutionsverbot durch die Einführung des Nordischen Modells mache. Im Moment wird dieses Thema in der Politik und den Medien wieder sehr gepusht.

Ich verfolge diese aktuelle Diskussion nur am Rande, da sie schon seit einigen Jahren geführt wird und ich mir also schon so einige Gedanken darüber gemacht habe. Als 2017/18 das Prostitutionsschutzgesetz eingeführt wurde, war das nur für Sexarbeiterinnen und Betriebe ein Thema, Kunden hat es so gut wie gar nicht betroffen. Das Nordische Modelle lässt jetzt Sexarbeiterinnen relativ außen vor (indem sie grundsätzlich als unwissende Opfer gesehen werden) und konzentriert sich auf die Kunden und indirekt natürlich auch auf Bordelle.

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das Nordische Modell in Deutschland in den nächsten Jahren kommen wird, oder höchstens in einer sehr verwässerten Version. Die feministische Zeitschrift Emma hat Deutschland mehrfach als „das Bordell Europas“ bezeichnet und damit auf die sehr liberale Gesetzgebung hier Bezug genommen. Ein solcher völliger Paradigmenwechsel wäre sehr ungewöhnlich.

Prostitution wird sich nie völlig abschaffen lassen, sondern sie wird nur erschwert. Als Folge wird eine offene Kommunikation darüber schwierig und Anbieterinnen und Kunden verwickeln sich schnell in ein Versteckspiel, mit dem keinem gedient ist. Ich glaube nicht, dass sich für mich persönlich viel ändern würde, da ich sehr viele Stammkunden habe, die ich schon seit vielen Jahren kenne und wo ein entsprechendes Vertrauensverhältnis besteht. Als Einzelanbieterin ist es außerdem sehr unwahrscheinlich, dass jemals bei mir eine Kontrolle (durch Polizei o.ä.) durchgeführt werden wird.

Leid tut es mir für junge Frauen, die gerade in die Sexarbeit einsteigen und für die der Schutz von Bordellen wegfällt. Häufig werden diese Betriebe mit Zuhältern und Ausbeutung gleichgesetzt. Ich habe sie jedoch immer als Schutzraum erlebt, wo ich von Kolleginnen umgeben war, man sich gegenseitig unterstützt hat und im Problemfall immer sofort Hilfe und ein Ansprechpartner da war. Diese Möglichkeit würde dann wahrscheinlich wegfallen und viele junge Frauen in Gefahr bringen, da sie diese Arbeit alleine lernen müssen.

Was mir viel mehr Sorgen macht als die gesetzlichen Regelungen zur Prostitution sind die sich entwickelnden Gewohnheiten und Gesetze zur Abschaffung des Bargeld oder zumindest zur Einführung von (niedrigen) Grenzen. Es ist für mich kein Problem, ein ec-Gerät zu besorgen – viele Kunden fürchten jedoch einen Verlust ihrer Anonymität oder die Nachweisbarkeit solcher Besuche in der Familie, so dass sie das wohl von einem Besuch bei mir abhalten würde.

Der Leuchtfeuer-Teddy

Letzte Woche habe ich gesehen, dass schon jetzt der Tisch von Hamburg Leuchtfeuer in der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs steht. Ich freue mich jedes Jahr darüber, wenn ich es sehe!

„Hamburg Leuchtfeuer“ ist ein Verein, der in Hamburg ein Hospitz betreibt, in der Trauerbegleitung aktiv ist – und sich um HIV-Infizierte und Aids-Kranke kümmert.

Jedes Jahr im Dezember bringen sie einen kleinen Teddy heraus, etwa zehn Zentimeter hoch, jedes Jahr in anderen Farben, immer mit der Aids-Schleife als Stickerei unter einer Pfote. Dieses Jahr ist der Teddy bunt wie ein Regenbogen, passend zur anhaltenden Diskussion über die LGBTQ-Bewegung.

Ich liebe dieses Teddys, nicht nur weil sie einfach süß sind, sondern auch als Zeichen für Mitgefühl und Toleranz – dieses Jahr wird also auf jeden Fall noch einer von ihnen bei mir einziehen.

Gerüche und Düfte

Es kommt zum Glück nur sehr, sehr selten vor, dass mir bei einem Kunden mangelhafte Hygiene auffällt. Fast alle meiner Kunden kommen entweder frisch geduscht zu mir oder gehen auf eigene Initiative bei mir duschen. Wer bei mir duscht, riecht danach nach meinem Duschgel (ein ganz sanfter Honigduft). Alternativ rieche ich häufig ein sanftes Aftershave oder Deo, und jeder Mensch hat natürlich auch einen Eigengeruch.

Ob man jemanden riechen kann oder nicht, ist leider oft eine sehr intuitive Entscheidung, die das Unterbewusstsein trifft und gegen die man nicht viel machen kann. Ich habe zum Glück in meinem Leben bisher nur eine handvoll Menschen getroffen, die ich einfach nicht riechen konnte, d.h. deren Eigengeruch mir unangenehm war (trotz guter Hygiene).

Ich selber benutze auch neutrale Pflegeprodukte, rieche also nach meinem Duschgel oder vielleicht nach Nivea-Deo. Das tue ich zum einen deswegen, damit keine Düfte abfärben, aber auch weil Düfte Geschmackssache sind und schnell als negativ oder einfach als zu viel empfunden werden.

Ab und zu bekomme ich mal eine Anfrage, in der darum gebeten wird, dass ich vor dem Termin nicht dusche (und am besten noch direkt vom Sport komme). Da erkläre ich dann meist, dass ich nicht das gewünschte Ergebnis werde liefern können. Ich dusche an normalen Tagen 2-3 Mal am Tag (und benutze regelmäßig Deo); da wird das Weglassen einer Dusche kein hohes Maß an Körpergeruch erzeugen wie gewünscht.

Herbst

Nach ein paar verregneten Tagen letzte Woche ist jetzt der goldene Herbst zurück. Herbst ist meine liebste Jahreszeit. Ich liebe es, jetzt lange Touren mit dem Fahrrad zu fahren, spazieren zu gehen oder mit meinem Pferd im Wald zu sein, wenn das Laub unter den Hufen raschelt.

Nächste Woche ist wieder Dom, dann beginnen auch bald die Weihnachtsmärkte (der erste hat sogar schon begonnen, in Wandsbek), und dann nähert sich das Jahr mit großen Schritten seinem Ende. Ich mag es, wenn es ruhiger wird, mit mehr Zeit für Innenschau, und mit gemütlichen Stunden im Warmen.

Ein lieber Stammkunde hat Herbststimmung bei mir vor kurzem so ausgedrückt:

Guten Abend Tina, der Herbst ist da. Ich mag den Herbst. Es ist wie bei dir. Wenn man deinen Raum betritt, taucht man in ein gedämpftes Licht. Es wirkt wie in einem Herbstwald. Es herrscht eine wohlige Harmonie. An der Zimmerdecke funkeln kleine bunte Punkte, wie die letzten Sonnenstrahlen durch das Laubdach im Wald schimmert. Wenn du mich mit deinen Lippen verwöhnst, klingt es, als wenn man durch raschelndes Laub sich bewegt. Es ist einfach nur eine tolle beruhigende Stimmung und ich genieße es jedesmal. Ich hoffe noch auf viele Herbsttage bei dir.

(Ich habe mir natürlich von ihm die Erlaubnis geben lassen, diese Nachricht zu veröffentlichen.)

Studienteilnehmer gesucht ab 65 Jahre

Mittlerweile haben viele meiner Kunden das Renten-Alter erreicht, und an die möchte ich mich heute wenden. An der Fresenius-Hochschule schreibt eine Studentin gerade ihre Bachelor-Arbeit über Sexualität im Alter, und da ich das Thema so spannend finde, möchte ich ihren Aufruf teilen.

Julia G. führt im Rahmen ihrer Psychologie-Bachelor-Arbeit an der Hochschule Fresenius aktuell eine qualitative Studie zum Erleben von Sexualität in höherem Lebensalter durch… Ziel ihrer Studie ist es, einen Beitrag dazu zu leisten, die gesellschaftliche Tabuisierung von Sexualität im Alter weiter aufzubrechen…

Für diese Studie sucht Julia aktuell Interview-Partner:innen aller Geschlechter im Lebensalter zwischen 65 und 80 Jahren, mit denen sie sich im Rahmen eines kurzen Telefonats über ihr Erleben ihrer Sexualität und ihren Umgang mit diesem Thema unterhalten darf… Natürlich werden alle persönlichen Daten dieser Erhebung anonymisiert…

Ich würde mich freuen, wenn der eine oder die andere von euch, die in diese Altersklasse fallen, Lust darauf hätte, an dieser kleinen Studie teilzunehmen… Möglicherweise vielleicht nämlich könnten gerade eure Erfahrungen oder Herangehensweisen dazu beitragen, der Liebe und Lust im hohen Lebensalter ein kleines bisschen mehr von der Wahrnehmung und Achtung zu verschaffen, die sie verdienen…

Hier nochmal die Eckdaten:

Interview: Psychologie-Bacherlor-Arbeit an der Hochschule Fresenius
Geschlecht: alle willkommen
Alter: 65 bis 80 Jahre
Zeitraum: 27.10.-16.11.2025
Ort: per Telefon
Dauer: max. 30 Minuten
Alle persönlichen Daten werden anonymisiert

Falls du das Level 65 bereits hinter dir gelassen hast und Lust darauf hättest, Julias Fragen aus deiner Perspektive heraus zu beantworten, melde dich (bis spätestens 16.11.2025) über mail.studie@gmx.de bei ihr…

Ich würde mich freuen, wenn Julias Studie und ihre Ergebnisse dazu beitragen würden, unseren gesellschaftlichen Blick auf die Sexualität des höheren Lebensalters ein kleines bisschen offener, neugieriger und bestenfalls realistischer zu machen…

Wenn ihr wisst, was es bedeutet, „alt“ zu sein und Lust darauf habt, eure eigenen Erfahrungen, Sichtweisen und Herangehensweisen in dieser Studie mit einfließen zu lassen, meldet euch also von Herzen gerne bei ihr…!

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