Blog von Tina, Sexarbeiterin aus Hamburg

Kategorie: Gedanken (Seite 5 von 11)

Gedanken zu verschiedenen Themen im Rahmen der Sexarbeit

Diskretion

In den letzten Tagen habe ich viel über das Thema Diskretion nachgedacht. Diskretion ist eine Eigenschaft, die sich sowohl Kunden als auch Sexarbeiterinnen von ihrem Gegenüber wünschen. Doch was genau darunter verstanden wird, kann sehr individuell sein.

Als erstes geht es um die Selbstverständlichkeiten, von Seiten der Sexarbeiterin: keine unerwarteten Anrufe oder eindeutigen Nachrichten (am besten gar keine initiativen Nachrichten aufs Handy), kein Ansprechen bei zufälligen Treffen, bei Haus- und Hotelbesuchen ein unauffälliges Auftreten. Die letzten beiden Punkte wünscht sich eine Sexarbeiterin auch von ihren Kunden.

Doch wie ist es mit Diskretion im Internet, also im indirekten Kontakt?

Ich schreibe immer wieder Texte, die von Erlebnissen oder Gesprächen mit meinen Kunden inspiriert sind, und es hat sich schon mehr als einer darin wiedererkannt. Wenn ich darauf angesprochen werde, ist es meist positiv aufgenommen worden, oder wir sind so vertraut miteinander, dass wir darüber noch mal in Ruhe sprechen. Es gibt aber bestimmt auch Männer, die sich zwar wiedererkennen würden, die Texte aber nicht lesen oder ihre Gedanken für sich behalten und mich nicht darauf ansprechen.

Diese Texte sind anonymisiert, ich nenne keine Namen oder gebe irgendeine Form von Erkennungsmerkmalen, aus denen ein Bekannter auf die Person schließen könnte. Es geht also bei der Frage nach dieser Art von Diskretion rein um die Gefühle des Betroffenen.

Anders ist es, wenn Kunden im Internet Berichte über Sexarbeiterinnen schreiben. Dort werden Namen und Kontaktdaten genannt, die Person ist also klar zu identifizieren. Es gibt Kunden, die bei solchen Berichten die Diskretion wahren und lediglich über Zuverlässigkeit, Sauberkeit, Umgebung, eingehaltene Absprachen schreiben. Es gibt aber auch Kunden, die teilweise sehr intime und private Details ausplaudern.

Eine Kollegin hat sich einmal in ihrem Blog darüber beklagt, dass der bewertende Kunde wohl nicht bedacht hat, dass diese sehr intimen Informationen über sie da jetzt für Jahre stehen werden und jeder sich ein Bild über einen Zwischenfall machen kann, den man sehr unterschiedlich bewerten kann.

Von mir gab/gibt es einen Bericht mit dem Inhalt: „Sie mochte mich wohl, deswegen hat sie XY gemacht, obwohl sie das offziell nicht anbietet.“ So etwas empfinde ich als Vertrauensmissbrauch. Ich erzähle bei Treffen relativ viel auch aus meinem Privatleben, und was ich mit Kunden erotisch erlebe, ist sehr individuell. Diese Details möchte ich nicht im Internet wiederfinden (wo ich häufig nicht einmal zuordnen kann, wer das geschrieben hat, und für die nächsten Wochen jeden meiner liebgewonnenen Stammkunden misstrauisch ansehe).

Die Lösung wäre also, dass aus Diskretionsgründen keiner mehr irgendwas über irgendwen im Internet schreibt. Das wäre schade, den sachliche Texte lese ich sehr gerne – sowohl in Form von Erfahrungs- und Gedankenblogs von Kolleginnnen als auch in Form von Erebnisberichten von Kunden über andere Frauen und auch über mich selbst.

Die Vorlieben der Anderen

Ab und zu werde ich mal von Kunden auf meine Service-Listen angesprochen, und zwar nicht unter dem Aspekt „ich würde das gerne mal ausprobieren“, sondern vor dem Hintergrund „das geht ja gar nicht“. Das ist für mich immer eine schwierige Situation.

Nicht alles, was ich in einem Paysex-Date anbiete, zählt auch zu meinen persönlichen Vorlieben. Manches macht mir nur in einem Paysex-Date Spaß, entweder weil ich es mag, dieses Szenario zu gestalten, oder weil ich es mich anmacht, die Lust des Mannes an einer bestimmten Spielart zu sehen. Manche Spiele funktionieren für mich nur mit ganz bestimmten Personen (sowohl beruflich als privat), wo man sich langsam rangetastet hat.

Ich habe natürlich auch Dinge, bei denen ich mir nie vorstellen könnte, sie zu machen oder in irgendeiner Form erotisch zu finden. Trotzdem finde ich es wichtig, (fast) alle Spielarten zu tolerieren. Man kann auch einfach in die andere Richtung sehen und andere Menschen andere Spiele spielen lassen, ohne darüber eine Meinung zu haben.

Manchmal werde ich als Sexarbeiterin abgelehnt, weil ich bestimmte Dinge anbiete, die der jeweilige Kunde sich in seinem Date überhaupt nicht vorstellen kann. Damit muss ich dann natürlich leben; trotzdem finde ich es kleinlich. Warum regt sich jemand über etwas auf, das ihn gar nicht betrifft? Uns würde es wohl allen deutlich besser gehen, wenn jeder bei seinen eigenen Themen bleibt.

Geld ausgeben

Letzte Woche war es mal wieder so weit. Ich kenne ihn schon seit fast 15 Jahren, noch aus meinen Tantra-Massage-Zeiten. In den letzten Jahren schreiben wir nur ab und zu mal, sehen tun wie uns kaum noch. Aber ein bis zwei Mal im Jahr macht er einen Termin, mit mindestens einer Woche Vorlauf – um ihn dann zwei Tage vorher wieder abzusagen.

Ich muss dann immer daran denken, wie wir in meiner Wirtschaftsausbildung mal über den Unterschied von Bedürfnis und Bedarf gesprochen haben. Es ist eine Sache, sich etwas irgendwie zu wünschen, das Bedürfnis danach zu haben, aber etwas ganz anderes, dann wirklich Zeit und Geld in die Umsetzung zu stecken, also einen Bedarf umzusetzen.

Dieser Zwischenschritt ist an sich eine gute Sache. Ich habe auch ganz viele Ideen, was ich alles machen könnte oder gerne hätte, und setze nur einen Bruchteil davon in die Realität um. Schwierig wird es, wenn dieser Zwischenschritt nicht bewusst bezogen wird, sondern man schon halb in der Umsetzung ist, bevor man sich überlegt, ob man das wirklich wird.

Im oberen Fall kann ich darüber lächeln, da durch den zeitlichen Ablauf kein Schaden entsteht. Nicht mehr lächeln kann ich, wenn es dazu führt, dass Termine nicht bestätigt, sehr kurzfristig abgesagt oder einfach versetzt werden.

Ich habe auch ein paar Kunden, die zwar gerne zu mir kommen würden, es sich aber nicht leisten können oder wollen – und nicht bereit sind, sich das selber einzugestehen. Das macht es für mich anstrengend, denn diese sind sehr chaotisch in ihrer Terminvereinbarung, und manchmal merke ich diese Ambivalenz auch im Termin.

Einer meiner Kunden schafft es nie, mir einfach mit einem Lächeln das Geld zu geben und es darauf beruhen zu lassen. Jedes Mal bekomme ich einen doofen Spruch in die Richtung, wie reich ich doch sein müsste etc , wie ich mir die Männer in meinem Leben aussuchen könnte – es nervt! Da ist die Ebene zwischen privatem Sex und Sexarbeit so gar nicht geklärt bei ihm, und er macht mir das zum Vorwurf.

Ich sehe Sexarbeit als eine Dienstleistung, von der beide Seiten profitieren können und die ehrlich vonstatten gehen kann. Sie hat aber halt auch bestimmte Grenzen und Bedingungen. Geld ist eine davon.

Kosten-Nutzen-Rechnung

„Bei einem Date entstehen auch Kosten. Man muss die Frau zum Essen einladen etc, und dafür gibt es keine Garantie auf Sex. Da kann ich auch gleich eine Sexarbeiterin bezahlen.“ oder „Beziehungen kosten auch Geld. Was man da investieren muss, für gemeinsame Unternehmungen, und auch an Zeit…“

Ich mag diese Vergleiche nicht. Für mich werden da Äpfel mit Birnen verglichen. Wenn ich ein Date habe, geht es darum, eine Person kennenzulernen und eine schöne Zeit miteinander zu verbringen – vielleicht nur für einen Abend, vielleicht auch mit der Hoffnung auf eine Beziehung.

Zugegeben, als Frau ist es wohl einfacher, Sex zu finden. Als ich jünger war habe ich mich ab und zu über Erotik-Portale für reine Sex-Dates verabredet. Das Ergebnis war meist enttäuschend. Man war sich zu fremd, die Stimmung war verkrampft. Im besten Fall konnte ich hinterher darüber lachen (und über mich selbst, dass ich mich darauf eingelassen hatte), im schlechteren Fall war es verschwendete Zeit und hinterließ ein schales Gefühl.

In dem Sinne macht es durchaus mehr Sinn, eine Sexarbeiterin zu buchen. Diese hat Erfahrung im Sex mit Fremden und schafft es, ihrem Gast über Unsicherheiten hinwegzuhelfen und eine entspannte erotische Atmosphäre zu schaffen. Wer also einfach Sex sucht, für eine Stunde oder einen Abend, investiert seine Zeit (und sein Geld) besser in eine Sexarbeiterin als ins Daten.

Wer aber Kontakt sucht, ein ehrliches Gespräch, die Möglichkeit jemanden wirklich kennenzulernen und gemeinsam etwas zu entwickeln, der ist bei einem Date besser aufgehoben. Dort ist die Gefahr gegeben, danach alleine nach Hause zu gehen, weil es doch nicht gepasst hat. Andererseits: Wer von einem Date nicht alleine nach Hause geht, kann sicher sein, begehrt zu werden und wirklich gemeint zu sein.

Sexarbeit ist eine Dienstleistung. Privater Sex ist eine Begegnung auf Augenhöhe. Ich finde nicht, dass man das vergleichen sollte. Erst recht nicht sollte man beides auf eine Kosten-Nutzen-Bilanz reduzieren.

Perfekte Illusion

Vor kurzem sagte jemand zu mir, die Zeit mit mir sei eine perfekte Illusion. Ich verstand, was er damit sagen wollte, aber meine Gedanken dazu sind ein wenig anders.

Ich versuche nicht, Illusionen zu erschaffen. Meine Stärke ist es, Stimmungen zu erschaffen. Dabei will ich niemandem etwas vorgaukeln, sondern eine Einladung aussprechen, sich in die Situation hinein zu entspannen und zu genießen. Vielleicht ist es ein wenig vergleichbar mit einem Musiker, der mit seiner Musik seine Gäste in eine bestimmte Stimmung versetzen kann. Dasselbe tue ich mit einem Zusammenspiel aus Atmosphäre im Raum und Berührungen.

Ob ich jemandem dabei etwas vorspiele? Diese Frage kann ich nicht mal genau beantworten. Wenn ich mit einem meiner Kunden zusammen bin, stelle ich meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse in den Hintergrund und konzentriere mich ganz auf meinen Gegenüber. Frei nach dem Motto „Fake it till you make it“ kann ich dann oft nicht einmal selbst unterscheiden, welcher Teil meiner Lust und Hingabe echt ist und was „nur“ der Situation geschuldet.

Wie echt ist also nun das Treffen mit einer Sexarbeiterin? Ich erlebe es so, dass das, was während des Treffens geschicht, in den meisten Fällen echt ist. Aber ein solches Treffen hat klar definierte Grenzen, und es wäre ein Fehler, das Geschehn innerhalb dieser Grenzen nach draußen bringen zu wolllen und davon Gefühle oder Verbindungen über dieses Treffen hinaus abzuleiten.

Selbststimulation

Vor ein paar Tagen habe ich über die Verbreitung von Pornos geschrieben und darüber, welche Auswirkungen diese auf unser Bild von Sex haben. Heute möchte ich ein verwandtes Thema ansprechen: die Frage, wie ich meinen Körper behandle, wenn ich mich selbst stimuliere.

Lange Zeit galt Masturbation als schädlich und verwerflich und es wurde versucht, sie zu unterdrücken. In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Ansicht gewandelt. Gerade Sexualtherapeuten halten Selbstbefriedigung für wichtig, da sie ein guter Weg ist, die eigenen Reaktionen und Wünsche kennenzulernen – in der Pubertät, aber auch noch danach.

Mittlerweile werden Menschen, die sich nicht selbst befriedigen, eher skeptisch betrachtet, als irgendwie verklemmt und ohne Zugang zum eigenen Körper. Das finde ich übertrieben. Eine Sexarbeiterin hat während des ersten Lockdowns einen Blog geschrieben darüber, dass sie selten masturbiert, weil sie einfach viel Kontakt und Erotik mit anderen Menschen lebt, und wie sehr ihr das im Lockdown plötzlich fehlt. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich masturbiere zwar, aber meist eher als Einschlafhilfe als mit echter Begeisterung.

Das andere Ende des Extrems sind Menschen, die sehr exzessiv masturbieren, und/oder häufig mit Hilfsmitteln. Vibratoren sind ein tolles Spielzeug und eine besondere, intensive Art der Stimulation. Auf Dauer senken sie jedoch die Sensitivität; der Körper gewöhnte sich an sehr starke Reize und es wird schwieriger, sich mit der (scheinbar geringeren) Stimulation durch die eigenen Finger zum Orgasmus zu bringen.

Ähnlich ergeht es Männern, die Selbstbefriedigung zur schnellen Triebabfuhr nutzen. Häufig konditionieren sie sich damit selber auf eine sehr harte, schnelle Stimulation, und kriegen dadurch auf Dauer Probleme, beim Sex oder bei Berührungen durch jemanden anders zum Höhepunkt zu kommen. Solche Männer erlebe ich durchaus auch bei mir häufiger, die meine Berührungen und den Sex zwar genießen, es dann aber selbst „zu Ende bringen“ müssen.

Im Tantra versuchen wir das Gegenteil: Dort gibt es sogenannte Selbstliebe-Rituale, in denen es darum geht, sich selber ganz viel Zeit für die Berührung des eigenen Körpers zu nehmen. Im Grunde ist es eine Tantra-Massage, die man sich selbst gibt – mit allen Möglichkeiten einer solchen Massage.

Also, denk gerne mal darüber nach, wie Du mit Deinem Körper umgehst, wenn Du Dich selber anfasst, und welche Auswirkungen das auf Deine gesamte Sexualität hat!


In den Kommentaren findet Ihr noch einen Link zu einem Youtube-Video, in dem ein Mann von seinen Erfahrungen mit Selbststimulation in der Tantra-Ausbildung bei Diamond Lotus in Berlin berichtet und seine Gedanken dazu und zu dem Thema generell schildert. Fand ich sehr spannd, schaut gerne mal rein.

Porno ist Leistungssport

Seitdem es das Internet gibt, hat die Verbreitung von Pornographie massiv zugenommen. Manche Soziologen sprechen gar von einer „Pornofizierten Gesellschaft“ und beklagen, wie sehr Porno-Ästhetik in den Mainstream hinübergeschwappt ist.

Generell habe ich nichts gegen Pornos. Pornos sind jedoch wie Aktionfilme: Es wird nach Highlights gesucht, es muss möglichst aufregend sein, Pausen und Pannen sind nicht vorgesehen. Und während niemand auf die Idee kommen würde, sich selbst mit Schauspielern und Stuntmen in Aktionfilmen zu vergleichen, scheint vielen Menschen nicht bewusst zu sein, dass auch die Hochglanz-Bilder aus Pornos weit von dem Sex entfernt sind, den normale Menschen haben.

Porno-Darsteller müssen hohe Anforderungen erfüllen, sowohl was ihr Aussehen angeht als auch bezüglich ihrer Leistungen. Bei Männern wird dann auch gerne mit Viagra nachgeholfen, bei Frauen hilft einfach Zähne zusammenbeißen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Was in einem Gangbang-Video so geil aussieht, ist wahrscheinlich nur in den wenigsten Fällen wirklich Spaß, sondern häufig harte Arbeit für alle Beteiligten.

Wenn jetzt jemand zu mir kommt und unbedingt das erleben möchte, was er vor ein paar Tagen in einem Porno gesehen hat, führt das häufig zu Enttäuschungen. Es gibt bestimmte Dinge, die ich nicht trainiere und demnach meinem Körper auch nicht unbedingt zumuten möchte. Wenn ich die Aktive bin, scheitert es auch mal an den körperlichen Möglichkeiten meines Spielpartners.

Ich würde mir bei aller Geilheit wünschen, dass sich mehr Männer einen Moment Zeit nehmen, um über die Technik bestimmter Spielarten nachzudenken und über die damit verbundenen Risiken – und dann realistisch zu beurteilen, ob das möglich ist und wirklich das, was sie erleben wollen (und ob sie ggf bereit sind, Zeit fürs lernen und üben zu investieren).


Ich habe schon mal über Pornos geschrieben, am 3. Juli 2019 in meinem Blog „No Porn just a Sex Film“.

Preisgestaltung

Während der Pandemie wurde immer wieder der Verdacht geäußert, dass Sexarbeiterinnen gezwungen wären, mit ihren Preisen nach unten zu gehen und/oder ihren Service zu erweitern. In den letzten Monaten gehen meine Beobachtungen eher in die andere Richtung: die Anzahl der Frauen in der Sexarbeit hat abgenommen, und einige Frauen nutzen dass, um jetzt ihre Preise deutlich zu erhöhen.

Über Preise in der Sexarbeit wurde schon immer heftig diskutiert. Häufig zogen Kunden den Vergleich zu ihren eigenen Stundenlöhnen heran – ein Vergleich, der deutlich hinkt, da viele Sexarbeiterinnen auch massive Kosten haben und Umsatz und Gewinn dadurch sehr weit auseinanderliegen, und zudem keine Frau in der Lage ist, wirklich Vollzeit zu arbeiten (selbst wenn die Nachfrage da wäre, ist dies körperlich und psychisch nicht machbar).

Vor kurzem habe ich (in einem anderen Zusammenhang) folgende Aussage gelesen: „My prices are based on my talent – not your budget!“ („Meine Preise basieren auf meinem Talent – nicht deinem Budget!“) Diese Aussage ist gerade sehr modern und wird z.B. von vielen Business Coaches propagiert. Auch in anderen Bereichen werden meiner Meinung nach völlig überzogene Preise aufgerufen, und wenn jemand etwas dagegen sagt, wird das als mangelnder Respekt gegenüber der Anbieterin ausgelegt – das muss es dir halt wert sein, und ich bin mir das selber wert, diese Preise zu verlangen!

Ich ziehe da für mich persönlich eine moralische Grenze. Es fällt mir leichter, solche Preise zu akzeptieren bei Frauen, die wirklich dafür gearbeitet haben (u.a. indem sie lange im Geschäft sind und sich einzigartige Konzepte erarbeitet haben), als bei Berufsanfängerinnen und/oder esoterisch anmutenden Begründungen. Bei vielem sage ich auch einfach: okay, kannst du machen, zahle ich aber nicht – so wie es dem Kunden mancher Sexarbeiterin wohl auch gehen wird.

Zurück zu meinem Blick als Anbieterin: Meine Preise sind immer lange konstant geblieben. Während der Pandemie sind sie eher gesunken, da ich mein Konzept dahingehend geändert habe, dass ich einen fixen Stundenpreis nehme und keine Extras mehr berechne (aber auch nicht weniger nehme, wenn ich z.B. nur Massage mache). Entgegen der obigen Aussage habe ich auch das Budget meiner Kunden im Auge. Manchen fällt es leicht, meine Preise zu zahlen; für manche ist es aber auch eine nicht unerhebliche Summer in ihrem Budget. Ich hatte nie den Ehrgeiz, High Class Escort zu werden und Urlaub in Luxushotels zu machen – das ist einfach nicht meine Welt. Ich freue mich für die Frauen, die das für sich leben; ich bleibe lieber in meinem Mittelschicht-Alltag und treffe mich mit ebensolchen Kunden.

Ghosting

Den Begriff „Ghosting“ kenne ich ursprünglich aus dem privaten Dating. Dort wird ein plötzlicher Kontaktabbruch als „Ghosting“ bezeichnet. Eine Person ist plötzlich nicht mehr erreichbar, reagiert nicht auf Anrufe, Nachrichten etc – völlig ohne Erklärung.

Jede Sexarbeiterin, die ich kenne, hat Telefonnummern in ihrem Handy, die gekennzeichnet sind mit einem Vermerk für „nicht reagieren“. In meinem Telefon gibt es auch solche Nummern. Viele Kunden beklagen sich darüber, wenn eine Sexarbeiterin nicht mehr auf Anfragen reagiert. Die meisten Frauen machen das jedoch nicht grundlos.

Der simpelste Grund: Jemand hat mich schon mal versetzt. Ich gebe keine zweiten Chancen, wenn jemand einen Termin vereinbart und dann nicht bestätigt oder nicht zum Termin kommt. Manchmal schreibe ich eine kurze SMS, häufig spare ich mir das auch – ich kriege eh nie eine Reaktion, wenn jemand sich so verhält. Also werde ich eigentlich zuerst geghostet. Ich speichere die Nummer und reagiere dann nicht auf erneute Anrufe.

Ähnlich ist es, wenn jemand einen Termin sehr kurzfristig absagt (weniger als zwei Stunden vorher). Da beantworte ich dann eine erneute Anfrage meist mit einer kurzen SMS: „Ich habe kein Interesse mehr an Treffen mit dir.“ Auf Diskussionen darüber lasse ich mich nicht ein, weitere Nachrichten beantworte ich nicht mehr. Ja, es kann immer mal was dazwischen kommen. Aber 80% sind Ausreden, und ich mache mir nicht die Mühe da zu differenzieren (außer bei Stammkunden).

Schwieriger ist die Situation, wenn ich aus anderen Gründen entscheide, einen Kunden nicht mehr sehen zu wollen. Manchmal fühle ich mich einfach mit jemandem nicht wohl. Dabei geht es meist nicht mal darum, dass meine Grenzen überschritten werden, sondern viel häufiger um Chemie. Manchmal hat ein Kunde einfach eine andere Vorstellung von der Stimmung eines Dates, von dem grundlegenden Vibe der gelebten Erotik. Wenn ich Glück habe, erlebt das auch die andere Seite so, und er vereinbart keinen neuen Termin.

Wenn jemand einen neuen Termin mit mir vereinbaren möchte, mit dem ich mich nicht wohlfühle, kommt es vor, dass ich einfach ghoste. Manchmal schreibe ich eine kurze SMS: „Ich habe kein Interesse an einem (weiteren) Treffen mit dir.“ Das Problem ist, dass ich darüber nicht diskutieren möchte. Ich meine, es sind erotische Treffen – entweder es passt oder eben nicht. Es ist keine Beziehung, an der man arbeitet a la „ich werde mich ändern“.

Vielen Männern fällt es schwer, ein Nein von einer Sexarbeiterin zu akzeptieren. Selbst wenn ich eine klare Ansage gemacht habe, bekomme ich manchmal noch monatelang immer wieder Anrufe oder Nachrichten.

Vertrautes oder Neues

Ich mag Gewohnheiten. Ich freue mich immer wieder aufs Neue auf Treffen mit Stammkunden, die ich schon lange kenne und mit denen sich Vertrautheit entwickelt hat. Ich genieße es zu wissen, wie sich die Stimmung eines Treffens entwickeln wird, und dass wir die Vorlieben des anderen kennen und im Laufe der Zeit ein gemeinsames Spiel entwickelt haben.

Für manche Kunden geht es beim Besuch einer Sexarbeiterin darum, immer wieder etwas Neues zu erleben: eine andere Frau, eine neue Spielart, ein Versuch der Steigerung…

Bei Treffen mit mir ist das selten der Schwerpunkt. Es geht eher um Ruhe, Ausgleich, Nähe, sanfte Erotik. Manchmal kommen Kunden auch mit bestimmten Wünschen; Dingen, über die sie schon länger nachdenken und die sie nun endlich ausprobieren möchten, oder auch neuen Ideen, die sie gerade faszinieren.

Ich freue mich, wenn jemand mit neuen Ideen zu mir kommt, und setze diese gerne um – baue sie in ein schon vertrautes Spiel ein oder kreiere auch etwas völlig Neues. Das passt zu dem, was ich oben mit „ein gemeinsames Spiel entwickeln“ meine.

Ich bin jedoch meist ziemlich überfordert, wenn jemand von mir neue Ideen erwartet. Ich habe in meiner Sexualität schon sehr viel ausprobiert, und mir geht es mittlerweile mehr um Menschen und Begegnungen und nur noch selten um Techniken. Gerade in der Sexarbeit sehe ich es als meine Aufgabe, mich auf meinen Gegenüber einzustellen – da treten dann meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse häufig in den Hintergrund.

Wenn ich jemanden regelmäßig treffe, kommen mir manchmal neue Ideen, was demjenigen gefallen könnte. Dafür muss ich aber ein gutes Gefühl für die Person kriegen – mit regelmäßig meine ich also ein Mal im Monat, nicht zwei Mal im Jahr.

Mit „sag doch mal, was du gerne ausprobieren möchtest“ kann ich nichts anfangen. Es geht dabei selten wirklich um mich, sondern es wird von mir erwartet, eine Fantasie meines Gegenübers zu erraten. Das Risiko, dass ich das Treffen ruiniere, weil meine Wünsche und Fantasien halt zu weit von denen meines Kunden entfernt sind, ist ziemlich groß – und Gedanken lesen kann ich leider nicht.

Deswegen: Verrate mir einfach, wonach Dir ist, oder genieße das, was Du von mir kennst und Dir vertraut ist. Da haben wir beide am meisten von.

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